Impulse von Felix Behm

Vom Eierverkauf zur Agrarsoftware: Wie Bauer-Lieferant Gründung neu denkt

Lenn Hoffmann & Jonas Nolte x Felix Behm

Viele Gründungsgeschichten beginnen mit einem Businessplan, einem Pitchdeck oder einer großen Vision. Die Geschichte von Bauer-Lieferant beginnt anders: mit ein paar Eiern, einer Challenge unter Freunden und der Frage, ob man daraus nicht mehr machen kann.

Lenn Hoffmann und Jonas Nolte sind Anfang 20, studieren dual und haben nebenbei ein Unternehmen aufgebaut, das regionale Lebensmittel direkt vom Bauernhof zu Haushalten rund um Nürtingen bringt. Was zunächst nach einem sympathischen Nebenprojekt klingt, ist inzwischen deutlich mehr: Bauer-Lieferant beliefert nach eigenen Angaben rund 200 Haushalte pro Woche mit Produkten von 15 Bauernhöfen.

Im Gespräch mit Felix Behm erzählen die beiden, wie aus kleinen Schritten ein Unternehmen wurde, warum sie Gründung nicht als Sprint verstehen und weshalb sie gerade an Software für Bauern arbeiten. Dabei entsteht ein Bild von Unternehmertum, das wenig mit schnellen Erfolgsversprechen zu tun hat – und viel mit Ausdauer, Freundschaft und echtem Kundenkontakt.

Eine Challenge als Startpunkt

Der Ursprung von Bauer-Lieferant war keine klassische Gründung. Lenn erzählt, dass er bereits mit 15 Jahren angefangen hat, Eier zu verkaufen. Damals ging es nicht um Skalierung, Investoren oder Marktanteile. Es war eine Herausforderung zwischen ihm und Jonas: Lenn sollte die Eier der eigenen Hühner an Haustüren verkaufen, Jonas sollte in der Zeit programmieren lernen.

Diese Ausgangslage sagt viel über die Art, wie die beiden arbeiten. Sie setzen sich kleine Herausforderungen, probieren Dinge aus und entwickeln daraus neue Fähigkeiten. Aus dem Eierverkauf wurde mit der Zeit mehr. Kunden fragten nach weiteren Produkten: Kartoffeln, Gemüse, regionale Lebensmittel. So wuchs Bauer-Lieferant nicht aus einer theoretischen Idee, sondern aus konkreter Nachfrage.

Das ist ein wichtiger Punkt. Viele junge Gründerinnen und Gründer starten mit der Frage, welche große Idee sie verfolgen sollen. Bei Lenn und Jonas war es eher umgekehrt: Sie haben etwas Einfaches begonnen, regelmäßig weitergemacht und aus dem Kundenkontakt gelernt, was gebraucht wird.

Regionaler Lieferservice statt abstrakter Plattform

Heute beschreibt sich Bauer-Lieferant als Lieferservice vom Bauernhof bis vor die Haustür. Die Formulierung im Podcast ist eingängig: ein bisschen wie „Lieferando für Bauern“. Gemeint ist aber kein anonymer Plattformgedanke, sondern ein regionaler Service mit engem Radius.

Aktuell konzentriert sich das Angebot auf Nürtingen und umliegende Orte. Das ist bewusst so gewählt. Lenn und Jonas sprechen davon, den kleinen Radius zu nutzen, um effizient zu arbeiten und Prozesse zu verbessern. Statt sofort deutschlandweit wachsen zu wollen, geht es ihnen zunächst darum, das Modell lokal sauber aufzubauen.

Die Logistik ist dabei handfest. Produkte müssen bei Bauern abgeholt oder von ihnen angeliefert werden. Bestellungen müssen sortiert, Fahrten geplant und Haushalte beliefert werden. Unterstützt werden die beiden inzwischen von Schülerinnen, Schülern und Studierenden, die beim Ausliefern helfen. Trotzdem sind Lenn und Jonas noch nah am Alltag des Unternehmens. Das ist kein reines Schreibtischprojekt.

Gründen ohne Hustle-Mythos

Auffällig ist im Gespräch, wie klar sich die beiden von klassischer Hustle-Kultur distanzieren. Sie arbeiten viel, aber sie romantisieren Überarbeitung nicht. Lenn spricht davon, dass der Sonntag ernst genommen wird. Feiern, Familie und private Zeit gehören für ihn dazu. Jonas ergänzt, dass bestimmte Prioritäten nicht einfach geopfert werden sollten – etwa ein Geburtstag in der Familie.

Das klingt unspektakulär, ist aber bemerkenswert. Gerade in der Startup-Welt wird häufig erzählt, man müsse sieben Tage pro Woche arbeiten, alles andere ausblenden und sich vollständig dem Unternehmen unterordnen. Lenn und Jonas wählen einen anderen Ton. Für sie ist das Leben eher ein Marathon als ein Sprint.

Diese Haltung macht ihre Gründung nicht weniger ambitioniert. Im Gegenteil: Sie scheint dazu beizutragen, dass sie langfristig weitermachen können. Der entscheidende Begriff im Gespräch ist Konsistenz. Lenn sagt sinngemäß, dass er nicht unbedingt viel mehr gemacht habe als andere – aber eben jede Woche. Ob Regen, Schnee oder fehlende Motivation: Die Eier mussten zu den Kunden.

Darin liegt vielleicht einer der stärksten Gedanken der Folge. Unternehmertum entsteht nicht nur durch große Ideen, sondern durch wiederholtes Handeln. Wer regelmäßig liefert, baut Vertrauen auf. Und wer nicht sofort aufhört, wenn es unangenehm wird, schafft sich mit der Zeit einen Vorsprung.

Freundschaft als Fundament

Jonas beschreibt Bauer-Lieferant an einer Stelle als „Ausleben der Freundschaft“. Das ist mehr als eine schöne Formulierung. Die Dynamik zwischen den beiden prägt das Unternehmen offenbar stark. Lenn bringt den direkten Kontakt zu Bauern, Kunden und regionalen Strukturen mit. Jonas übernimmt stärker die technische Seite und entwickelt Software.

Diese Rollenverteilung ist nicht starr, aber sie ergänzt sich. Lenn verkauft, organisiert und denkt aus der landwirtschaftlichen Praxis heraus. Jonas programmiert, automatisiert und übersetzt Prozesse in digitale Lösungen. Beide haben sich über Jahre hinweg gegenseitig herausgefordert. Daraus ist eine Arbeitsweise entstanden, die spielerisch wirkt, aber gleichzeitig verbindlich ist.

Gerade diese Mischung aus Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit zieht sich durch das Gespräch. Die beiden lachen, erzählen von Rückschlägen und wirken nicht so, als wollten sie ein Gründerimage bedienen. Sie berichten einfach davon, wie es ist, wenn man nachts im Keller programmiert, etwas nicht funktioniert und irgendwann doch ein Durchbruch gelingt.

Vom Lieferservice zur Software für Bauern

Neben Bauer-Lieferant arbeiten Lenn und Jonas inzwischen an einem neuen Ansatz, den sie im Gespräch „FarmOS“ nennen. Ob sich der Name dauerhaft etabliert, bleibt offen. Die Richtung ist aber klar: Sie wollen Software für Bauern entwickeln.

Der Hintergrund ist ihre Erfahrung aus der Praxis. In der Landwirtschaft gibt es aus ihrer Sicht noch viel Zettelwirtschaft, komplizierte Abläufe und uneinheitliche Kommunikation. Lenn erzählt von einem Treffen mit Biolandbauern, bei dem schon die Frage nach einer gemeinsamen Kommunikationslösung schwierig wurde. WhatsApp, Signal oder etwas anderes – selbst einfache digitale Abstimmungen können im Alltag kompliziert sein.

Genau dort sehen die beiden Potenzial. Sie entwickeln Lösungen, die Bestellungen, Lieferscheine, Rechnungen und Verkaufsprozesse vereinfachen sollen. Erste Anwendungen wurden bereits für zwei Bauern umgesetzt. Dabei geht es etwa um individuelle Webapps, über die Hofläden oder Partner Produkte bestellen können. Im Hintergrund werden Bestellungen sortiert und Dokumente wie Lieferscheine oder Rechnungen automatisiert.

Der Anspruch ist nicht, die Landwirtschaft mit überkomplizierter Software zu überziehen. Im Gegenteil: Lenn und Jonas wollen einfache, saubere Lösungen bauen, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen der Betriebe orientieren.

KI als Werkzeug, nicht als Abkürzung

Ein weiteres Thema im Gespräch ist Künstliche Intelligenz. Jonas beobachtet die Entwicklung im Bereich Softwareentwicklung sehr genau und spricht von einer Phase, in der plötzlich sehr viel möglich wird. Für kleine Teams wie Bauer-Lieferant kann das ein enormer Vorteil sein. Aufgaben, für die früher größere Entwicklerteams nötig gewesen wären, lassen sich heute schneller prototypisieren.

Gleichzeitig sehen beide die Ambivalenz. KI kann helfen, besser zu lernen und schneller zu arbeiten. Sie kann aber auch dazu verleiten, sich durch Aufgaben zu schummeln. Lenn sagt offen, dass er froh ist, KI nicht schon während der Schulzeit gehabt zu haben – er wäre vermutlich anfällig gewesen, Hausaufgaben einfach abzugeben.

Entscheidend ist für die beiden offenbar, wie KI genutzt wird. Jonas beschreibt, dass man bei größeren Projekten den Prozess weiterhin selbst verstehen muss. Wer nur einen langen Prompt schreibt und hofft, dass am Ende alles funktioniert, verbringt später viel Zeit damit, die Ergebnisse wieder zu entwirren.

Damit formulieren die beiden eine reife Perspektive auf Technologie: KI ersetzt nicht automatisch Denken. Sie verstärkt eher, was bereits da ist. Wer eine klare Idee, ein echtes Problem und ausreichend Verständnis mitbringt, kann damit viel schneller arbeiten. Wer nur abkürzen will, lernt im Zweifel weniger.

Jung gründen: Nachteil oder Vorteil?

Im Podcast stellt Felix Behm auch die Frage, ob junges Alter beim Gründen ein Hindernis ist. Lenn und Jonas sehen das eher anders. Sie berichten nicht davon, wegen ihres Alters nicht ernst genommen worden zu sein. Im Gegenteil: Sie erleben Unterstützung von vielen Seiten – von lokalen Gründungszentren, aus ihrem Umfeld und teilweise auch von ihren dualen Arbeitgebern.

Ihr Alter kann sogar ein Vorteil sein. Gerade beim Umgang mit digitalen Tools und KI sehen sie sich als „Natives“. Sie sind mit diesen Entwicklungen aufgewachsen oder wachsen zumindest direkt in sie hinein. Dadurch fehlt ihnen vielleicht an manchen Stellen klassische Erfahrung, aber sie bringen andere Fähigkeiten mit: Geschwindigkeit, Neugier und eine hohe Bereitschaft, neue Werkzeuge auszuprobieren.

Diese Perspektive ist interessant, weil sie das Bild von Generation Z differenziert. Es geht nicht darum, ob junge Menschen „arbeiten können“ oder nicht. Die Frage ist eher, unter welchen Bedingungen sie Verantwortung übernehmen – und welche Formen von Arbeit sie sinnvoll finden.

Fazit: Gründung beginnt manchmal an der Haustür

Die Geschichte von Bauer-Lieferant zeigt, dass Unternehmertum nicht immer mit einer großen Idee beginnen muss. Manchmal reicht eine kleine Challenge, ein Produkt, echte Kunden und die Bereitschaft, jede Woche weiterzumachen.

Lenn Hoffmann und Jonas Nolte zeigen eine Form von Gründung, die bodenständig und zugleich zukunftsorientiert ist. Sie liefern regionale Lebensmittel aus, sprechen mit Bauern, lösen praktische Probleme und bauen gleichzeitig digitale Werkzeuge für eine Branche, in der noch viel Potenzial steckt.

Besonders stark ist dabei ihre Haltung: Sie arbeiten ambitioniert, aber nicht selbstzerstörerisch. Sie nutzen KI, aber nicht blind. Sie sind jung, aber nicht naiv. Und sie zeigen, dass Konsistenz oft mehr bewirkt als die perfekte Ausgangsidee.

Bauer-Lieferant ist damit mehr als ein regionaler Lieferservice. Es ist ein Beispiel dafür, wie junge Gründerinnen und Gründer aus der Praxis heraus Unternehmen bauen können – Schritt für Schritt, nah am Kunden und mit einem klaren Blick für die Zukunft.

Zur Podcastfolge mit den beiden jungen Gründern geht es HIER.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.