Impulse von Felix Behm

Ausbildungsbotschafter: Warum Azubis junge Menschen oft besser erreichen als jede Imagekampagne

Michaela Lundt & Sarah Bäurer x Felix Behm

Berufsorientierung ist für viele Jugendliche ein abstraktes Thema. Es gibt unzählige Berufe, viele Erwartungen von außen und oft zu wenig konkrete Einblicke in den Alltag einer Ausbildung. Genau an dieser Stelle setzt das Projekt Ausbildungsbotschafter an. Statt allgemeiner Informationsveranstaltungen oder klassischer Vorträge gehen Auszubildende selbst in Schulen und sprechen mit Schülerinnen und Schülern über ihren Weg, ihren Beruf und ihren Alltag.

Im Podcast „Generation Z Talk mit Felix Behm“ sprechen Michaela Lundt von der Handwerkskammer Reutlingen und Sarah Bäurer von der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg darüber, warum dieses Format so wirksam ist. Das Gespräch zeigt: Wer junge Menschen erreichen will, braucht weniger Hochglanz und mehr Ehrlichkeit. Und oft sind es gerade die Azubis selbst, die glaubwürdiger, näher und verständlicher erklären können, was Ausbildung heute bedeutet.  

Warum Ausbildungsbotschafter so gut funktionieren

Der Kern des Projekts ist schnell erklärt: Auszubildende aus verschiedenen Lehrjahren werden geschult und gehen anschließend in Schulklassen, um dort ihre Berufe vorzustellen. Sie erzählen, wie sie ihren Ausbildungsplatz gefunden haben, wie ihr Alltag aussieht, welche Herausforderungen es gibt und welche Perspektiven sich nach der Ausbildung eröffnen.

Das Besondere daran ist nicht nur der Inhalt, sondern vor allem die Perspektive. Jugendliche hören anderen Jugendlichen oft anders zu als Erwachsenen. Das wird im Gespräch sehr deutlich. Michaela Lundt beschreibt, dass Schülerinnen und Schüler besonders gut reagieren, wenn junge Azubis aus erster Hand berichten. Die Distanz ist geringer, die Sprache näher am Alltag und die Erfahrungen wirken greifbar.  

Felix Behm knüpft daran mit einer eigenen Beobachtung an: Selbst wer fachlich viel über Ausbildung weiß, ist für 15- oder 16-Jährige nicht automatisch der beste Absender. Genau deshalb liegt in den Ausbildungsbotschaftern eine große Stärke. Sie stehen nicht für Theorie, sondern für gelebte Praxis.  

Persönliche Geschichten wirken stärker als Zahlen

Ein zentrales Motiv der Folge ist die Frage, wie junge Menschen heute angesprochen werden wollen. Die Antwort der beiden Gäste ist klar: Reine Frontalvorträge funktionieren kaum noch. Was wirkt, ist persönlicher Bezug.

Sarah Bäurer betont, dass es nicht reicht, wenn vorne jemand steht und Zahlen und Fakten herunterliest. Entscheidend ist, dass Azubis ihre eigene Geschichte erzählen: Warum haben sie sich für diesen Beruf entschieden? Was lief in der Schule gut, was vielleicht nicht? Wie haben sie Zweifel überwunden? Gerade diese persönlichen Wege schaffen Identifikation.  

Besonders spannend ist dabei ein Detail aus dem Gespräch: Schülerinnen und Schüler reagieren oft sehr aufmerksam, wenn Azubis offen sagen, dass sie selbst in bestimmten Fächern keine Top-Noten hatten oder Schule nicht ihre Lieblingszeit war. Das senkt die Schwelle. Plötzlich steht da kein unerreichbares Vorbild, sondern jemand, dessen Weg nachvollziehbar wirkt. Genau das kann Mut machen.  

Was hinter dem Konzept steckt

Das Projekt Ausbildungsbotschafter wird in Baden-Württemberg vom Wirtschaftsministerium unterstützt. Für Schulen und Betriebe hat das einen wichtigen Vorteil: Die Einsätze und Schulungen sind kostenfrei. Gleichzeitig gibt es einen gemeinsamen Rahmen und Qualitätsstandards, auch wenn die Koordinatorinnen und Koordinatoren in der konkreten Umsetzung Spielraum haben.  

Im Ablauf bedeutet das: Betriebe oder Azubis melden sich an, die Auszubildenden nehmen an einer Schulung teil und werden auf ihre Einsätze vorbereitet. Dort geht es um Präsentationstechniken, den Umgang mit Nervosität, allgemeine Informationen zur Ausbildung und um die Frage, wie man den eigenen Beruf verständlich und ansprechend vorstellt. Erst danach folgen die Einsätze in Schulen.  

Interessant ist auch, dass die Koordinatorinnen die Schulungen selbst übernehmen. Das hat einen praktischen Grund: Sie lernen die Azubis früh kennen und können später besser einschätzen, wer zu welchem Schuleinsatz passt. Das zeigt, dass das Projekt nicht nur organisiert, sondern pädagogisch begleitet wird.  

Handwerk und Industrie: ähnliche Ziele, unterschiedliche Voraussetzungen

Im Gespräch wird auch deutlich, dass Handwerk und Industrie-Handel zwar ähnliche Ziele verfolgen, aber teils mit unterschiedlichen Bedingungen arbeiten. Sarah Bäurer sagt, dass größere Unternehmen im IHK-Bereich oft leichter Azubis für das Projekt freistellen können. Im Handwerk ist das schwieriger, weil kleinere Betriebe enger getaktet sind und Auszubildende oft vom ersten Tag an stark eingebunden sind.  

Michaela Lundt bestätigt diese Herausforderung, macht aber gleichzeitig deutlich, dass gerade kleine Handwerksbetriebe in Schulen sehr viel zeigen können. Sie sind oft besonders praxisnah. Im Gespräch fällt etwa das Beispiel, dass mit Schülerinnen und Schülern Fledermauskästen gebaut wurden. Solche Formate schaffen Erlebnisse statt bloßer Information.  

Darin liegt ein großer Vorteil des Handwerks. Wo Berufe sichtbar und erfahrbar werden, steigt auch das Interesse. Gleichzeitig zeigt die Folge, dass sich moderne Aspekte wie Digitalisierung und KI inzwischen auch im Handwerk stärker vermitteln lassen. Michaela Lundt beschreibt, dass Jugendliche positiv darauf reagieren, wenn sie sehen, wie selbstverständlich digitale Werkzeuge heute in handwerklichen Berufen eingesetzt werden.  

Was Azubis selbst daraus mitnehmen

Das Projekt wirkt nicht nur nach außen, sondern auch nach innen. Auszubildende, die als Ausbildungsbotschafter unterwegs sind, entwickeln sich häufig persönlich weiter. Sie sprechen vor Gruppen, lernen zu präsentieren und gewinnen an Selbstbewusstsein.

Sarah Bäurer schildert sehr anschaulich, wie zurückhaltende Jugendliche in den Schulungen starten und sich mit jedem Einsatz weiterentwickeln. Aus Unsicherheit wird Routine, aus Zurückhaltung wird Präsenz. Gerade weil mehrere Durchgänge stattfinden, lässt sich diese Entwicklung gut beobachten.  

Besonders eindrücklich ist das Beispiel einer jungen Elektrikerin, das Michaela Lundt erzählt. Sie kam zunächst sehr ruhig und vorsichtig in die Schulung. Mit Unterstützung und nach mehreren Einsätzen gewann sie zunehmend Sicherheit. Später stand sie sogar auf einer Bühne bei einem Kongress zum zehnjährigen Bestehen der Ausbildungsbotschafter und berichtete selbstbewusst von ihrer Entwicklung. Inzwischen möchte sie sogar den Ausbilderschein machen. Diese Geschichte zeigt, wie stark Verantwortung und Vertrauen junge Menschen wachsen lassen können.  

Welche Fragen Jugendliche wirklich stellen

Wer mit Jugendlichen über Ausbildung spricht, bekommt schnell mit, was sie wirklich interessiert. Laut beiden Gästen gibt es dabei eine Frage, die fast immer kommt: Was verdient man?

Diese Offenheit ist wichtig, weil sie zeigt, dass Jugendliche sehr konkret denken. Sie wollen wissen, was sie erwartet, wie realistisch ein Beruf für sie ist und welche Perspektiven damit verbunden sind. Gleichzeitig interessieren sie sich stark für den Weg der Azubis selbst: Wie bist du auf den Beruf gekommen? Wie war deine Schulzeit? Was lief gut, was war schwierig?  

Michaela Lundt beschreibt, dass viele Fragen zunächst gar nicht spontan gestellt werden, weil sich manche Schülerinnen und Schüler nicht trauen. Deshalb arbeitet sie mit vorbereiteten Fragen, die am Ende verteilt werden. Das ist ein kluger Ansatz, weil er Hürden abbaut und trotzdem Gespräch ermöglicht. So entsteht oft erst gegen Ende der eigentliche Austausch.  

Was Unternehmen daraus lernen können

Die Folge ist nicht nur für Schulen oder Kammern interessant, sondern vor allem auch für Unternehmen. Denn hinter dem Projekt steckt eine größere Erkenntnis: Junge Menschen wollen nicht nur informiert, sondern ernst genommen werden.

Das gilt nach innen wie nach außen. Wer Auszubildenden zutraut, ihren Beruf in Schulen zu vertreten, setzt ein starkes Signal. Es zeigt Vertrauen und fördert Eigenverantwortung. Gleichzeitig bekommen Betriebe ein ehrliches Gesicht. Nicht die Personalabteilung spricht, sondern Menschen, die den Alltag wirklich kennen. Das ist glaubwürdig und zeitgemäß.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt, den Sarah Bäurer zum Schluss klar formuliert: Gute Ausbildung beginnt mit Zuhören. Betriebe und Ausbilder sollten mit Azubis reden, nachfragen und sie ernst nehmen. Junge Menschen fordern viel, sagt sie, aber sie wollen auch gefordert werden. Genau darin steckt eine wichtige Führungsaufgabe.  

Berufsorientierung braucht echte Begegnungen

Ein weiterer Gedanke zieht sich durch das Gespräch: Berufsorientierung funktioniert dann gut, wenn sie konkret wird. Nicht allgemeine Aussagen über Chancen und Wege helfen am meisten, sondern echte Begegnungen mit Menschen, die gerade mitten in diesem Weg stehen.

Ausbildungsbotschafter verkörpern genau das. Sie bringen Berufe aus Broschüren und Webseiten in einen greifbaren Zusammenhang. Sie zeigen, dass Ausbildung nicht nur eine Entscheidung für einen Job ist, sondern oft auch ein Entwicklungsweg zu mehr Selbstbewusstsein, Verantwortung und Perspektive.  

Gerade in Zeiten, in denen viele Betriebe Nachwuchs suchen und Jugendliche gleichzeitig Orientierung brauchen, ist das ein bemerkenswert einfacher und wirksamer Ansatz. Nicht perfekte Inszenierung überzeugt, sondern ehrliche Erfahrung.

Fazit

Das Gespräch mit Michaela Lundt und Sarah Bäurer macht deutlich, warum das Projekt Ausbildungsbotschafter so viel mehr ist als ein Baustein der Berufsorientierung. Es verbindet Schulen, Betriebe und junge Menschen auf eine Weise, die glaubwürdig und praxisnah ist. Jugendliche bekommen echte Einblicke, Unternehmen zeigen Haltung und Azubis wachsen an ihrer Rolle.

Vor allem aber erinnert die Folge an etwas Grundsätzliches: Wer junge Menschen erreichen will, muss ihnen auf Augenhöhe begegnen. Genau das leisten Ausbildungsbotschafter. Sie erklären nicht nur Berufe. Sie übersetzen Ausbildung in eine Sprache, die ankommt. Und vielleicht ist genau das heute wichtiger denn je. 

Zur Podcastfolge geht es HIER.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.