Hinweis vorab:
Die in diesem Podcast besprochenen Inhalte und Impulse stellen keine medizinische, psychotherapeutische oder sonstige heilkundliche Behandlung dar und ersetzen keine Diagnose, professionelle Therapie oder Behandlung. Wenn du betroffen bist: Bitte wende dich an deine Hausärztin/deinen Hausarzt, eine psychotherapeutische Praxis oder eine Beratungsstelle. In akuten Notfällen: 112, 116117
Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen gehören zu den Themen, über die viele Menschen erst dann sprechen, wenn es nicht mehr zu übersehen ist. Genau darin liegt ein Problem: Oft sind sie lange unsichtbar. Nicht jede betroffene Person wirkt sofort auffällig. Nicht jede Essstörung zeigt sich auf den ersten Blick körperlich. Und nicht alles beginnt mit dem Wunsch, dünner zu sein. Im Gespräch mit Felix Behm macht Anne Reissig deutlich, dass Essstörungen viel komplexer sind, als Erwachsene häufig annehmen.
Wer nur auf Essen, Gewicht oder Kalorien schaut, greift zu kurz. Denn hinter einer Essstörung stehen oft tiefere Themen: ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper, ein brüchiger Selbstwert, emotionale Überforderung, Konflikte im Umfeld oder der Versuch, über Kontrolle zumindest irgendwo Halt zu finden. Genau deshalb hilft es wenig, das Thema auf einfache Formeln zu reduzieren.
Essstörungen sind nicht nur ein Ernährungsthema
Ein zentrales Missverständnis besteht darin, Essstörungen als reines Essverhalten zu betrachten. Wer von außen draufschaut, denkt oft in sehr einfachen Bildern: zu wenig essen, zu viel essen, starkes Abnehmen, auffälliges Verhalten beim Essen. Anne Reissig widerspricht dieser Verkürzung deutlich. Sie beschreibt Essstörungen als etwas, das auch mit Selbstbild, Beziehungen und inneren Spannungen zu tun hat.
Das macht den Umgang damit so anspruchsvoll. Denn man kann einer betroffenen Person nicht einfach sagen, sie solle wieder normal essen. Für viele Betroffene ist Essen nicht das eigentliche Problem, sondern Ausdruck von etwas, das innerlich kaum in Worte zu fassen ist. Manche erleben Essen als Ventil. Andere erleben Kontrolle über Kalorien, Sport oder Routinen als letzten Bereich, in dem sie sich noch wirksam fühlen.
Gerade Erwachsene suchen in solchen Situationen oft nach klaren Ursachen. Doch genau die gibt es selten in dieser Einfachheit. Anne Reissig betont im Gespräch, dass es sehr unterschiedliche Auslöser geben kann: Mobbing, belastende Erfahrungen, familiäre Spannungen, innere Unsicherheit, Traumata oder sozialer Druck. Essstörungen entstehen nicht nach einem einheitlichen Muster.
Warum junge Menschen besonders unter Druck stehen
Die Folge macht auch deutlich, warum das Thema gerade bei jungen Menschen so brisant ist. Schule, Leistungsdruck, soziale Gruppen, Selbstinszenierung im Netz, Unsicherheit in der eigenen Identität und ein ständiger Vergleich mit anderen bilden heute eine Mischung, die enorm belastend sein kann. Felix Behm stellt die Frage, ob Essstörungen ein besonders typisches Thema für jüngere Generationen geworden sind. Anne Reissig sagt: Es gibt Hinweise auf einen Anstieg, gleichzeitig wird heute auch offener über psychische Belastungen gesprochen. Beides gehört zusammen.
Was heute hinzukommt, ist die permanente Reizüberflutung. Wer ohnehin mit Selbstzweifeln kämpft, sieht online oft genau die Inhalte, die diese Unsicherheit weiter verstärken. Der Fokus verengt sich. Bilder, Videos und Körperideale bleiben hängen. Aus einzelnen Impulsen kann eine Gedankenspirale werden. Dabei ist wichtig: Social Media ist nicht automatisch die Ursache, aber es kann vorhandene Unsicherheiten deutlich verstärken. Auch das macht Anne Reissig im Gespräch klar.
Social Media ist nicht alles, aber es ist auch nicht harmlos
Besonders differenziert wird es dort, wo es um Verbote und Verantwortung geht. Anne Reissig macht deutlich, dass Social Media eine große Rolle spielen kann, aber nicht der Ursprung aller Probleme ist. Vergleich entsteht nicht nur auf Plattformen. Er passiert auch in Schulklassen, Freundeskreisen, Sportvereinen oder im Alltag. Trotzdem wäre es aus ihrer Sicht zu einfach, digitale Räume völlig auszuklammern. Denn gerade dort treffen junge Menschen auch auf Geschichten anderer Betroffener und auf Inhalte, an die sie emotional andocken.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, wie viel Social Media junge Menschen konsumieren, sondern auch, wie sie damit umgehen und was in ihnen dadurch ausgelöst wird. Ein pauschales Verbot allein löst das Problem nicht. Was fehlt, ist oft Aufklärung. Kinder und Jugendliche brauchen Sprache für das, was Bilder und Inhalte in ihnen auslösen. Sie brauchen Erwachsene, die nicht nur kontrollieren, sondern einordnen helfen.
Warnsignale erkennen, bevor es eskaliert
Ein besonders wertvoller Teil des Gesprächs ist der Blick auf frühe Warnsignale. Anne Reissig betont ausdrücklich, dass solche Hinweise keine Diagnose ersetzen. Trotzdem können sie helfen, genauer hinzusehen. Dazu gehören etwa ein ständiges Kreisen um Essen, Kalorien und den eigenen Körper, ein starkes Unwohlsein mit sich selbst, heimliches Essverhalten, emotionales Essen, der Rückzug aus gemeinsamen Mahlzeiten oder ein auffälliger Drang nach Kontrolle. Auch körperliche Schwäche, Konzentrationsprobleme und Kraftlosigkeit können Hinweise sein.
Wichtig ist dabei: Nicht jedes einzelne Signal bedeutet automatisch eine Essstörung. Aber wenn sich mehrere Dinge häufen und der Eindruck entsteht, dass ein junger Mensch gedanklich kaum noch aus diesem Thema herauskommt, sollte das ernst genommen werden.
Gerade für Eltern, Lehrkräfte, Ausbilderinnen, Ausbilder und Führungskräfte ist das relevant. Denn sie erleben junge Menschen oft über längere Zeiträume und bemerken Veränderungen manchmal früher als andere. Entscheidend ist dann nicht Alarmismus, sondern Aufmerksamkeit.
Was Erwachsene besser nicht sagen sollten
Gut gemeint ist nicht automatisch hilfreich. Das zieht sich als roter Faden durch das Gespräch. Sätze wie „Du bist doch schön, so wie du bist“ oder „Du musst einfach mehr essen“ klingen fürsorglich, können aber am eigentlichen Problem vorbeigehen. Denn sie beantworten nicht die Frage, warum ein Kind oder junger Mensch überhaupt so über sich denkt. Anne Reissig plädiert stattdessen dafür, nicht sofort zu relativieren, sondern nachzufragen. Wie kommt jemand auf diesen Gedanken? Hat jemand etwas gesagt? Gibt es diese Selbstzweifel schon länger?
Es geht also weniger darum, schnell die richtigen Worte zu finden, sondern darum, einen Raum zu schaffen, in dem die andere Person sich gesehen fühlt. Präsenz statt Belehrung. Zuhören statt Wegerklären. Das klingt einfach, ist im Alltag aber oft die größte Herausforderung.
Was Arbeitgeber und Schulen konkret tun können
Spannend an dieser Folge ist auch, dass sie das Thema nicht nur auf Familie und Freundeskreis beschränkt. Felix Behm lenkt den Blick bewusst auf Schulen und Unternehmen. Denn auch dort gibt es Kontaktpunkte, an denen Veränderungen auffallen. Für Führungskräfte oder Ausbildungsverantwortliche gilt laut Anne Reissig: nicht vor anderen ansprechen, nicht körperbezogen argumentieren und keine vorschnellen Urteile formulieren. Besser ist es, sachlich zu beschreiben, was auffällt, etwa nachlassende Konzentration, veränderte Arbeitsleistung oder sichtbare Erschöpfung, und Unterstützung anzubieten.
Dabei geht es nicht darum, therapeutisch tätig zu werden. Es reicht oft schon, das Gespräch sensibel zu öffnen und deutlich zu machen, dass Unterstützung möglich ist. Wer weitergehende Hilfe braucht, kann auf Hausärztinnen, Hausärzte, psychotherapeutische Praxen oder Beratungsstellen verwiesen werden. Auch anonyme Beratungsangebote können eine erste Brücke sein. Im Gespräch wird zudem deutlich, wie hilfreich es sein kann, wenn Betroffene nicht allein den ersten Schritt gehen müssen, sondern eine vertraute Person an ihrer Seite haben.
Für Schulen sieht Anne Reissig große Chancen in präventiver Arbeit. Dabei müsse nicht immer direkt das Wort Essstörung im Mittelpunkt stehen. Oft sei es sinnvoller, Themen wie Körperbild, Emotionen, Selbstwert, Stress und Identität in Workshops aufzugreifen. Genau dort liegen häufig die tieferen Zusammenhänge.
Der entscheidende Punkt: Menschen ernst nehmen
Vielleicht ist das der wichtigste Gedanke aus der ganzen Folge: Nicht nur beobachten, sondern ernst nehmen. Anne Reissig spricht darüber, wie schnell Menschen mit psychischen Belastungen abgewertet werden, etwa mit Sätzen wie „Die Person will doch nur Aufmerksamkeit“. Genau darin liegt eine gesellschaftliche Schwäche. Statt vorschnell zu urteilen, bräuchte es mehr Bereitschaft, hinzusehen und da zu sein.
Das heißt nicht, andere retten zu müssen. Auch das betont sie. Niemand trägt allein die Verantwortung für den Heilungsweg eines anderen Menschen. Aber jede und jeder kann präsent sein, aufmerksam bleiben und Unterstützung ermöglichen. Für Betroffene kann genau das einen Unterschied machen.
Fazit
Das Gespräch mit Anne Reissig zeigt, wie vielschichtig das Thema Essstörungen bei jungen Menschen ist. Es geht nicht nur um Essen. Es geht um Druck, Kontrolle, Selbstwahrnehmung, Einsamkeit, emotionale Überforderung und die Frage, wie junge Menschen in einer lauten, vergleichsgetriebenen Welt ein stabiles Gefühl für sich selbst entwickeln können.
Wer mit Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen arbeitet oder lebt, muss nicht sofort perfekte Antworten haben. Aber Wegschauen ist keine Lösung. Der erste Schritt ist oft einfacher und gleichzeitig wichtiger, als viele denken: aufmerksam sein, ruhig nachfragen, nicht vorschnell urteilen und Unterstützung möglich machen.
Manchmal verändert nicht der große Ratschlag etwas, sondern die Erfahrung, dass jemand wirklich da ist.
Links:
Anne Reissig: annereissig.de
Die komplette Podcastfolge gibt es HIER.

