Impulse von Felix Behm

Ausbildung als Gemeinschaftsaufgabe: Was Unternehmen von einer Sparkasse lernen können

Tim Nikelski x Felix Behm

Fachkräftemangel, Generationenwechsel, Digitalisierung: Unternehmen stehen heute vor mehreren gleichzeitigen Herausforderungen. Besonders deutlich zeigt sich das beim Thema Ausbildung. Junge Menschen zu gewinnen ist das eine – sie langfristig zu halten, das andere.

Im Gespräch mit Felix Behm beschreibt Tim Nikelski, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hameln-Weserbergland, wie Ausbildung zu einer strategischen Aufgabe werden kann. Dabei geht es weniger um einzelne Maßnahmen als um eine grundlegende Haltung: Mitarbeiterorientierung als Ausgangspunkt für wirtschaftlichen Erfolg.  

Ausbildung braucht mehr als ein Konzept

Ein zentrales Bild zieht sich durch das Gespräch: Ausbildung gelingt nicht in einer Abteilung, sondern im gesamten Unternehmen. Die Idee, dass „ein ganzes Dorf“ notwendig ist, um junge Menschen zu begleiten, überträgt Tim Nikelski bewusst auf die Organisation.  

Gerade in Zeiten zunehmender Unsicherheit und wachsender Erwartungen an Arbeitgeber reicht es nicht, Ausbildung als formalen Prozess zu verstehen. Vielmehr geht es darum, junge Menschen in einer Lebensphase zu begleiten, in der berufliche Orientierung, persönliche Entwicklung und soziale Integration eng zusammenhängen.

Unternehmen, die Ausbildung ernst nehmen, müssen daher Strukturen schaffen, die über klassische Lerninhalte hinausgehen.

Mitarbeiterorientierung als strategische Priorität

Interessant ist die Reihenfolge der strategischen Ziele, die in der Sparkasse festgelegt wurde: zuerst Mitarbeiterorientierung, dann Kundenorientierung, schließlich wirtschaftlicher Erfolg. Diese Priorisierung ist kein Zufall. Sie folgt der Überzeugung, dass nachhaltiger Unternehmenserfolg nur über motivierte und zufriedene Mitarbeitende entsteht.  

Die praktische Umsetzung zeigt sich etwa in regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen. Entscheidend ist dabei nicht nur das Erheben von Meinungen, sondern der Umgang mit den Ergebnissen. Maßnahmen werden priorisiert, transparent kommuniziert und schrittweise umgesetzt.

Dieser Prozess signalisiert jungen Beschäftigten: Ihre Perspektive wird ernst genommen.

Nähe statt Hierarchie

Ein weiterer Erfolgsfaktor liegt in der bewussten Reduktion von Distanz zwischen Führung und Nachwuchs. Formate wie Vorstandsgespräche, gemeinsame Aktivitäten oder offene Sprechstunden schaffen Räume für Dialog.

Gerade für Auszubildende kann diese Nähe entscheidend sein. Viele junge Menschen erwarten heute schnelle Rückmeldungen und direkte Kommunikationswege – geprägt durch digitale Lebenswelten. Wenn Unternehmen darauf nicht reagieren, entsteht schnell Frustration.

Gleichzeitig zeigt das Beispiel, dass Hierarchie nicht zwangsläufig im Widerspruch zu Nähe stehen muss.

Übernahmegarantien als Signal der Wertschätzung

Ein bemerkenswerter Punkt ist die klare Perspektive nach der Ausbildung. Wer gute Leistungen zeigt, erhält eine Übernahmegarantie. Diese Sicherheit wirkt in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit besonders stark.

Interessant ist zudem die demografische Perspektive: Viele Unternehmen stehen vor einem Generationenwechsel. Ausbildung wird damit zur strategischen Investition in die Zukunft – nicht nur zur kurzfristigen Personalplanung.

Die steigende Zahl an Bewerbungen zeigt, dass solche Signale Wirkung entfalten können.

Unternehmenskultur lässt sich nicht verordnen

Gemeinschaft entsteht nicht durch Programme, sondern durch gelebte Kultur. Ob Sportveranstaltungen, soziale Aktivitäten oder interne Projekte: Entscheidend ist, dass Initiativen aus der Organisation selbst entstehen.

Versuche, Kultur „von oben“ zu definieren, scheitern häufig. Erfolgreiche Unternehmen schaffen stattdessen Rahmenbedingungen, in denen Engagement wachsen kann.

Gerade für junge Mitarbeitende ist ein funktionierendes soziales Umfeld ein zentraler Faktor für Bindung.

Digitalisierung und KI verändern Anforderungen

Die Rolle künstlicher Intelligenz wird auch in traditionellen Branchen zunehmend spürbar. Routineaufgaben könnten künftig stärker automatisiert werden. Gleichzeitig gewinnen Fähigkeiten wie kritisches Denken, Urteilsvermögen und soziale Kompetenz an Bedeutung.

Die entscheidende Frage lautet weniger: „Was weiß jemand?“ – sondern vielmehr: „Wie geht jemand mit Informationen um?“

Diese Verschiebung hat Konsequenzen für Ausbildungskonzepte. Unternehmen müssen junge Menschen darauf vorbereiten, Entscheidungen in komplexen digitalen Umgebungen zu treffen.

Regionale Identität als Wettbewerbsvorteil

Ein häufig unterschätzter Faktor ist die Bedeutung regionaler Verwurzelung. Gerade außerhalb von Metropolregionen kann lokale Identität ein starkes Argument im Wettbewerb um Talente sein.

Wenn Unternehmen sichtbar Teil des gesellschaftlichen Lebens sind – etwa durch Engagement in Kultur oder Sport – entsteht emotionale Bindung. Für viele junge Menschen ist diese Nähe wichtiger als abstrakte Karriereversprechen.

Fazit

Ausbildung ist heute weit mehr als die strukturierte Vermittlung von Fachwissen. Sie ist ein komplexes Zusammenspiel aus strategischer Ausrichtung, gelebter Unternehmenskultur und gesellschaftlicher Verantwortung. Wer junge Menschen ausbildet, übernimmt nicht nur eine betriebliche Aufgabe, sondern gestaltet aktiv Zukunft – für das eigene Unternehmen, aber auch für die Region und den Arbeitsmarkt insgesamt.

Gerade in Zeiten von Fachkräftemangel, demografischem Wandel und technologischer Transformation wird deutlich: Ausbildung ist kein kurzfristiges Instrument zur Personalgewinnung, sondern eine langfristige Investition. Unternehmen, die das erkennen, richten ihre Strukturen und ihre Haltung entsprechend aus.

Drei zentrale Erkenntnisse lassen sich daraus ableiten:

Erstens: Mitarbeiterorientierung ist keine freiwillige soziale Leistung, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Unternehmen, die ihre Beschäftigten ernst nehmen, schaffen Stabilität, Motivation und Leistungsfähigkeit. In einer Zeit, in der qualifizierte Nachwuchskräfte zunehmend wählen können, entscheidet die Qualität des Arbeitsumfelds über Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit.

Zweitens: Nähe und Dialog sind die Grundlage für Vertrauen. Junge Menschen erwarten Transparenz, Zugänglichkeit und echte Beteiligung. Führung, die sichtbar ist und den Austausch sucht, stärkt nicht nur die Bindung, sondern auch das Verständnis für unternehmerische Entscheidungen. Vertrauen entsteht nicht durch Programme, sondern durch konsequent gelebte Kommunikation.

Drittens: Ausbildung ist immer auch eine Investition in Zukunftsfähigkeit. Technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz verändern Berufsbilder und Anforderungen. Umso wichtiger wird es, Kompetenzen zu fördern, die über reines Fachwissen hinausgehen – etwa kritisches Denken, soziale Fähigkeiten und Verantwortungsbewusstsein.

Das Gespräch macht deutlich: Erfolgreiche Ausbildung entsteht selten durch spektakuläre Einzelmaßnahmen oder trendgetriebene Projekte. Entscheidend ist vielmehr eine klare, konsistente Haltung gegenüber Menschen. Unternehmen, die Ausbildung als Teil ihrer Identität begreifen, schaffen nicht nur bessere Bedingungen für junge Talente – sie sichern langfristig ihre eigene Zukunft.

Die Podcastfolge mit Tim Nikelski gibt es HIER.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.