Die duale Ausbildung gilt seit Jahrzehnten als eines der erfolgreichsten Bildungsmodelle im deutschsprachigen Raum. Sie verbindet Theorie und Praxis, schafft Fachkräfte und ermöglicht jungen Menschen einen strukturierten Einstieg ins Berufsleben. Doch dieses Modell steht zunehmend unter Druck. Fachkräftemangel, veränderte Lebensrealitäten, digitale Transformation und neue Erwartungen junger Menschen stellen Ausbildungsbetriebe vor große Herausforderungen.
In der öffentlichen Diskussion wird dabei häufig ein einfaches Narrativ bemüht: Die Generation Z sei schwieriger, weniger belastbar, weniger motiviert.
Doch dieses Bild greift zu kurz – und lenkt vom eigentlichen Kern des Problems ab.
Im Podcastgespräch von Felix Behm mit dem Trainer und Ausbildungsexperten Mark Prévoteau wird deutlich:
Nicht die Generation Z ist das Problem – sondern Strukturen, Erwartungen und Rollenbilder, die nicht mehr zur heutigen Realität passen.
Generation Z ist nicht das Problem – sie macht es sichtbar
Viele Ausbilderinnen und Ausbilder erleben junge Menschen als unzuverlässig, unstrukturiert oder wenig engagiert. Gleichzeitig zeigen Studien und Praxiserfahrungen etwas anderes: Die Mehrheit der Auszubildenden ist motiviert, lernbereit und interessiert – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Was sich verändert hat, sind nicht Motivation oder Leistungsbereitschaft, sondern:
- Lerngewohnheiten
- Kommunikationsformen
- Erwartungen an Führung
- der Umgang mit Fehlern, Feedback und Sinnfragen
Die Generation Z ist in einer Welt aufgewachsen, die komplexer, schneller und widersprüchlicher ist als die ihrer Vorgänger. Sie macht sichtbar, wo Ausbildung noch auf Annahmen basiert, die längst nicht mehr tragen.
Nutzung ist nicht gleich Kompetenz
Ein zentrales Missverständnis im Ausbildungsalltag betrifft die sogenannte „digitale Kompetenz“. Häufig wird davon ausgegangen, dass junge Menschen automatisch kompetent sind, weil sie mit Smartphones, Social Media und digitalen Tools aufgewachsen sind.
Doch genau das ist ein Trugschluss.
Wischen, klicken und posten sind keine Kompetenzen im Sinne von:
- Strukturieren
- Priorisieren
- kritisch reflektieren
- Informationen bewerten
Mark Prévoteau bringt es im Podcast klar auf den Punkt:
Digitale Nutzung ersetzt keine Lern- und Arbeitskompetenz.
Viele Auszubildende kämpfen mit Selbstorganisation, E-Mail-Flut, Terminkoordination und Fokus. Nicht, weil sie unfähig sind – sondern weil ihnen diese Kompetenzen nie systematisch vermittelt wurden.
Der größte Fehler im Ausbildungsalltag: unklare Erwartungen
Ein wiederkehrendes Thema im Gespräch ist das, was Prévoteau als „Gummiparagraphen“ bezeichnet. Begriffe wie Zuverlässigkeit, Eigeninitiative oder Verantwortungsbewusstsein werden vorausgesetzt – aber selten konkret erklärt.
Was bedeutet „zuverlässig“?
- Pünktlich sein – aber wie pünktlich?
- Mails beantworten – wann und wie ausführlich?
- Aufgaben erledigen – mit welchem Qualitätsmaßstab?
In Trainings zeigt sich immer wieder: Selbst erfahrene Fachkräfte haben völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, was diese Begriffe bedeuten. Wie sollen Auszubildende also erraten, was konkret erwartet wird?
Unklare Erwartungen führen nicht zu Lernprozessen, sondern zu:
- Unsicherheit
- Fehlern
- Frust
- gegenseitigen Schuldzuweisungen
Ausbildung scheitert nicht an Wissen – sondern an Kommunikation
Ein weiterer klassischer Fehler ist die sogenannte „Erklärbär-Mentalität“. Ausbilder erklären viel, ausführlich und fachlich korrekt – doch beim Gegenüber bleibt wenig hängen.
Studien zeigen:
Bei reinem Zuhören bleiben im Schnitt nur rund 20 % der Inhalte erhalten.
Nachhaltiges Lernen entsteht nur, wenn Auszubildende:
- aktiv eingebunden werden
- Fragen stellen dürfen
- selbst ausprobieren
- Fehler machen und reflektieren
Ausbildung ist kein Informations-Transfer, sondern ein Lernprozess.
Und Lernen braucht Beteiligung.
KI verändert Ausbildung – ob wir wollen oder nicht
Ein besonders relevanter Punkt des Gesprächs ist der Einfluss von Künstlicher Intelligenz auf Ausbildung. Klassische Aufgabenformate – Texte schreiben, Inhalte zusammenfassen, Erklärungen formulieren – lassen sich heute in Sekunden von KI erledigen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht mehr:
„Hat jemand KI benutzt?“
Sondern:
„Welche Kompetenz prüfen wir eigentlich?“
KI zwingt Ausbildung dazu, Aufgaben neu zu denken:
- Weg von reiner Reproduktion
- hin zu Verständnis, Anwendung, Reflexion
Gleichzeitig bietet KI enorme Chancen für Ausbilder. Richtig eingesetzt kann sie bei:
- Gesprächsvorbereitung
- Strukturierung
- Dokumentation
- Planung
unterstützen und entlasten.
Der Gewinn: mehr Zeit für Beziehung, Feedback und individuelle Begleitung.
Die Rollen moderner Ausbilder:innen – mehr als Wissensvermittler
Die Anforderungen an Ausbilder:innen haben sich in den letzten Jahren grundlegend verändert. Wer heute junge Menschen begleitet, übernimmt nicht mehr nur eine fachliche Rolle, sondern bewegt sich in einem komplexen Zusammenspiel aus Führung, Beziehung, Entwicklung und Orientierung. Gerade im Umgang mit der Generation Z wird deutlich: Ausbildung funktioniert nur dann gut, wenn Ausbilder:innen mehrere Rollen bewusst einnehmen und situativ wechseln können.
1. Führungskraft – Orientierung und Klarheit geben
Auch wenn der Begriff manchmal vermieden wird: Ausbilder:innen sind Führungskräfte.
Sie tragen Verantwortung für Strukturen, Entscheidungen und den Rahmen, in dem Ausbildung stattfindet.
Als Führungskraft bedeutet das:
- klare Erwartungen formulieren
- Entscheidungen treffen und vertreten
- Sicherheit und Orientierung bieten
- Regeln transparent machen und konsequent umsetzen
Gerade junge Menschen brauchen Klarheit. Nicht als Kontrolle, sondern als Halt.
Fehlende Führung führt nicht zu Freiheit, sondern zu Unsicherheit. Eine gute Führungskraft schafft einen Rahmen, in dem Lernen möglich wird – ohne Beliebigkeit, aber auch ohne autoritäres Auftreten.
2. Coach – Entwicklung ermöglichen statt Lösungen vorgeben
In der Rolle des Coaches geht es nicht darum, Antworten zu liefern, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Auszubildende sollen lernen, selbst zu denken, Entscheidungen abzuwägen und Verantwortung zu übernehmen.
Als Coach unterstützen Ausbilder:innen, indem sie:
- Reflexion anregen
- Stärken sichtbar machen
- Lösungswege gemeinsam erarbeiten
- Feedback geben, das Entwicklung ermöglicht
Coaching heißt: begleiten, nicht lenken.
Nicht jede Herausforderung muss sofort gelöst werden – oft ist es wichtiger, junge Menschen durch den Denkprozess zu führen. So entsteht nachhaltiges Lernen statt kurzfristiger Anpassung.
3. Mentor – Erfahrung weitergeben und Perspektiven eröffnen
Als Mentor:in bringen Ausbilder:innen ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre Perspektive ein – nicht belehrend, sondern unterstützend. Mentoring bedeutet, junge Menschen auf ihrem Weg zu begleiten und ihnen Orientierung im Berufsleben zu geben.
Diese Rolle zeigt sich besonders, wenn es um:
- berufliche Entwicklung
- Entscheidungsfindung
- Umgang mit Rückschlägen
- langfristige Perspektiven
geht. Mentor:innen helfen dabei, Zusammenhänge zu verstehen und den Blick über den aktuellen Ausbildungsabschnitt hinaus zu richten. Sie geben nicht den Weg vor, aber sie zeigen, welche Wege möglich sind.
4. Vorbild – Haltung vor Worten
Eine der wirksamsten Rollen ist oft die unauffälligste: das Vorbild.
Junge Menschen lernen weniger durch Anweisungen als durch Beobachtung.
Ausbilder:innen wirken als Vorbilder durch:
- ihr Kommunikationsverhalten
- ihren Umgang mit Fehlern
- ihre Haltung zu Pünktlichkeit, Respekt und Verantwortung
- ihre Bereitschaft, selbst zu lernen und sich weiterzuentwickeln
Wer Verlässlichkeit fordert, muss sie vorleben.
Wer Offenheit erwartet, muss selbst offen sein.
Wer Veränderung verlangt, muss selbst veränderungsbereit bleiben.
Authentizität ist dabei entscheidend – nicht Perfektion.
5. Konfliktlöser – Spannungen erkennen und konstruktiv bearbeiten
Wo Menschen zusammenarbeiten, entstehen Konflikte. Gerade in Ausbildungssituationen treffen unterschiedliche Generationen, Werte und Erwartungen aufeinander. Konflikte sind daher kein Zeichen von Scheitern, sondern von Entwicklung.
Als Konfliktlöser:innen übernehmen Ausbilder:innen die Aufgabe,
- Spannungen frühzeitig wahrzunehmen
- Gespräche zu moderieren
- unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen
- faire Lösungen zu ermöglichen
Dabei geht es nicht darum, Konflikte zu vermeiden oder „wegzumoderieren“, sondern sie als Lernchance zu nutzen. Gut begleitete Konflikte stärken soziale Kompetenz, Selbstreflexion und Teamfähigkeit – auf beiden Seiten.
6. Vertrauensperson – Beziehung als Grundlage für Lernen
Gerade für junge Menschen kann die Ausbildung eine Phase großer Unsicherheit sein. Themen wie Leistungsdruck, Selbstzweifel, private Belastungen oder Zukunftsängste begleiten viele Auszubildende – auch wenn sie im Arbeitsalltag nicht offen angesprochen werden.
Als Vertrauensperson bieten Ausbilder:innen:
- ein offenes Ohr
- emotionale Sicherheit
- Verlässlichkeit
- Diskretion und Respekt
Diese Rolle bedeutet nicht, Therapeut:in zu sein.
Aber sie bedeutet, ernst zu nehmen, zuzuhören und – wenn nötig – weiterzuvermitteln. Lernen funktioniert nur dort, wo sich Menschen sicher fühlen.
Fazit: Rollenbewusstsein statt Rollenüberforderung
Moderne Ausbildung verlangt viel – und genau deshalb ist Rollenbewusstsein so wichtig.
Ausbilder:innen müssen nicht alles gleichzeitig sein, aber sie sollten wissen, welche Rolle in welcher Situation gefragt ist.
Wer das versteht, erlebt Ausbildung nicht als Belastung, sondern als gestaltbaren Prozess.
Und genau dort entsteht die Grundlage für eine Ausbildung, die junge Menschen stärkt – und Unternehmen langfristig erfolgreich macht.
Ausbildung bedeutet heute auch:
- zuhören
- einordnen
- begleiten
- Grenzen setzen
- Orientierung geben
Das erfordert neue Kompetenzen – und vor allem die Bereitschaft, sich selbst weiterzuentwickeln.
Gute Ausbildung ist kein Zufall
Unternehmen, die Ausbildung erfolgreich gestalten, eint ein gemeinsamer Ansatz:
Sie verstehen Ausbildung als strategische Aufgabe – nicht als Nebenprodukt.
Das zeigt sich durch:
- strukturierte Ausbilderprogramme
- kontinuierliche Weiterbildung
- Austausch zwischen Generationen
- moderne Lernformate, die zum Alltag passen
Ein einmaliges Seminar reicht nicht. Entwicklung braucht Zeit, Wiederholung und Reflexion.
Fazit: Ausbildung braucht Entwicklung auf beiden Seiten
Generation Z ist nicht „schwierig“.
Sie ist ehrlich. Direkt. Und sensibel für Widersprüche.
Sie zeigt, wo Ausbildung:
- zu unklar
- zu starr
- zu wenig dialogorientiert
- zu wenig zeitgemäß ist
Wer Ausbildung zukunftsfähig gestalten will, braucht:
- Klarheit statt Annahmen
- Dialog statt Belehrung
- Struktur statt Chaos
- Haltung statt Nostalgie
Dann wird Ausbildung wieder das, was sie sein sollte:
Ein Ort, an dem Menschen wachsen – fachlich, persönlich und menschlich.
Mehr Infos zum Podcastgast und seinem Lerncast findest du unter: https://markpre.de
Den LinkedIn-Post zum „Chamäleon-Ausbilder“ findest du hier.
Und die ganze Podcastaufnahme gibt es HIER.


