Wenn über Generation Z gesprochen wird, dominieren häufig Begriffe wie unverbindlich, überfordert oder anspruchsvoll. Gerade im Kontext von Ausbildung, Hotellerie oder Dienstleistung ist die Skepsis gegenüber jungen Mitarbeitenden groß. Doch was passiert, wenn man diesen Vorurteilen nicht folgt – sondern bewusst einen anderen Weg geht?
Im Gespräch mit Philipp Lohse, kaufmännischer Geschäftsführer der Frames Hotel GmbH, wird deutlich: Gute Führung beginnt nicht bei Kontrolle, sondern bei Vertrauen. Und sie zahlt sich aus – wirtschaftlich wie menschlich.
Vom Quereinstieg zur Führungsverantwortung
Philipp Lohse kommt nicht aus der klassischen Gastronomie oder Hotellerie. Sein beruflicher Weg führte ihn über Studium, Konzernkarriere, Baustoffhandel und Klosterbetriebe schließlich in die Hotellerie. Gerade dieser Quereinstieg hat seinen Blick auf Führung geprägt.
Sein Grundverständnis:
Ein guter Manager ist nicht an eine Branche gebunden – sondern an Menschen, Prozesse und Haltung.
Diese Perspektive zieht sich durch seine gesamte Laufbahn. Entscheidungen werden nicht aus Gewohnheit getroffen, sondern hinterfragt:
Was brauchen Mitarbeitende wirklich, um Verantwortung übernehmen zu können?
Und was braucht ein Unternehmen, um langfristig stabil zu bleiben?
Ambition schlägt Lebenslauf
Ein zentrales Thema im Gespräch ist Ambition – nicht im Sinne von Karriereeifer oder klassischem Aufstiegsdenken, sondern als innerer Antrieb. Für Philipp Lohse ist Ambition der eigentliche Motor von Entwicklung. Nicht der perfekte Lebenslauf, nicht ein geradliniger Werdegang oder lückenlose Zeugnisse entscheiden darüber, ob jemand Verantwortung übernehmen kann, sondern die Frage: Will diese Person gestalten? Will sie lernen? Will sie wachsen?
Gerade im Umgang mit jungen Mitarbeitenden zeigt sich immer wieder, dass formale Kriterien nur begrenzt aussagekräftig sind. Viele bringen Potenziale mit, die sich in Bewerbungsunterlagen kaum abbilden lassen. Im Arbeitsalltag hingegen werden diese sichtbar: durch Engagement, durch Fragen, durch den Umgang mit Verantwortung und durch die Bereitschaft, sich auf neue Aufgaben einzulassen.
Hinzu kommt: Viele junge Menschen wissen zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn selbst noch nicht genau, wo ihre Stärken liegen oder welche Rolle sie langfristig einnehmen möchten. Das ist kein Defizit, sondern ein normaler Entwicklungsprozess. Führung bedeutet in diesem Kontext, Räume zu schaffen, in denen diese Stärken entdeckt werden können. Das erfordert Aufmerksamkeit, echtes Interesse und die Bereitschaft, zuzuhören – nicht nur bei formellen Gesprächen, sondern im täglichen Miteinander.
Wer Ambition erkennt, erkennt sie selten in großen Worten, sondern in kleinen Signalen: in dem Wunsch, Dinge besser zu machen, Verantwortung zu übernehmen oder sich in neue Themen einzuarbeiten. Gute Führungskräfte nehmen diese Signale ernst und reagieren darauf, indem sie Entwicklung ermöglichen – durch passende Aufgaben, durch Vertrauen und durch Begleitung.
Dieser Ansatz kostet Zeit. Er ist nicht sofort messbar und erfordert Geduld. Doch langfristig zahlt er sich aus: Mitarbeitende, die sich gesehen fühlen, bleiben. Sie identifizieren sich stärker mit dem Unternehmen, entwickeln Loyalität und übernehmen Verantwortung mit Überzeugung. Gleichzeitig sinken Fluktuation, Frustration und der permanente Druck, neue Fachkräfte rekrutieren zu müssen.
Ambition gezielt zu fördern bedeutet daher nicht, Leistung zu überfordern, sondern Potenzial freizusetzen. Und genau darin liegt einer der nachhaltigsten Hebel moderner Führung.
Wenn Azubis zu Führungskräften werden
Besonders eindrucksvoll ist das Beispiel ehemaliger Auszubildender, die heute Führungspositionen innehaben. Nicht, weil sie von Anfang an alles konnten – sondern weil man ihnen etwas zugetraut hat.
Eine junge Hotelfachfrau wird früh in Personalthemen eingebunden. Interessen werden erkannt, Fähigkeiten gefördert. Als eine Schlüsselposition frei wird, entscheidet man sich bewusst gegen eine externe Lösung – und für Vertrauen in eine junge Mitarbeiterin.
Das Ergebnis:
Hohe Identifikation. Hohe Kompetenz. Hohe Loyalität.
Fehler durften passieren – aber nie ohne Begleitung. Unterstützung, offene Türen und täglicher Austausch waren Teil des Prozesses. Verantwortung ohne Rückhalt wäre fahrlässig. Verantwortung mit Rückhalt ist Entwicklung.
Führung ist Beziehungsarbeit
Für Lohse ist Führung vor allem eines: Beziehungsarbeit.
Keine Nähe um der Nähe willen, sondern echtes Interesse am Menschen.
Das bedeutet:
- zuhören statt bewerten
- erklären statt bestrafen
- Kontext geben statt Druck erzeugen
Gerade in der Dienstleistung wird Verantwortung oft unterschätzt. Wenn ein junger Mensch allein ein Frühstücksbuffet betreut oder Gäste empfängt, kann etwas schiefgehen. Die entscheidende Frage ist nicht ob, sondern wie man damit umgeht.
Fehler werden nicht versteckt – sondern erklärt. Gegenüber Gästen wie gegenüber Mitarbeitenden. So entsteht Lernen statt Angst.
Unternehmenskultur ist kein Schlagwort
Viele sprechen über Unternehmenskultur. Wenige leben sie.
Im Frames Hotel zeigt sich Kultur ganz konkret:
- faire Arbeitszeiten
- transparente Kommunikation
- übertarifliche Bezahlung
- klare Erwartungen
- Wertschätzung statt Ausbeutung
Nicht jede:r passt in dieses Umfeld – und das ist in Ordnung. Kultur wirkt selektiv. Wer bleibt, identifiziert sich. Wer geht, passt vielleicht woanders besser hin.
Die geringe Fluktuation im Unternehmen bestätigt diesen Weg – gerade in einer Branche, die traditionell mit hoher Abwanderung kämpft.
Generation Z: weniger Vorurteile, mehr Verantwortung
Ein klares Statement im Gespräch:
Die Generation Z ist nicht schlechter als frühere Generationen – sie ist anders.
Unpünktlichkeit, Unverbindlichkeit oder mangelnde Motivation sind keine Generationenmerkmale, sondern Führungsfragen. Wo Erwartungen klar sind und Sinn vermittelt wird, übernehmen junge Menschen Verantwortung.
Der Gast zahlt die Gehälter – diese einfache Wahrheit wird jungen Mitarbeitenden offen erklärt. Nicht als Drohung, sondern als Kontext. Verantwortung wird verständlich, nicht abstrakt.
KI, Prozesse und die Zukunft der Führung
Natürlich spielt auch Künstliche Intelligenz eine Rolle. Prozesse werden vereinfacht, Abläufe standardisiert. Doch eines ist für Lohse klar:
Dort, wo Menschen einen Unterschied machen, bleibt der Mensch zentral.
Keine Serviceroboter an der Rezeption.
Keine vollständige Automatisierung des Gästekontakts.
Technologie soll entlasten – nicht ersetzen. Führung der Zukunft bedeutet, Prozesse klug zu gestalten und gleichzeitig Räume für menschliche Begegnung zu bewahren.
Fazit: Zutrauen lohnt sich
Wer junge Menschen führen will, muss ihnen etwas zutrauen. Nicht blind – aber bewusst. Fehler gehören dazu. Entwicklung auch.
Dieses Gespräch zeigt:
Vertrauen ist kein Risiko.
Vertrauen ist eine Investition.
Und oft eine, die sich schneller auszahlt, als viele glauben.
Die ganze Podcastfolge gibt es HIER zum Nachhören.


