Impulse von Felix Behm

Mediensucht: Wenn der digitale Alltag zur Falle wird

Felix Behm & Dr. Oliver Scheibenbogen

Ein Gespräch mit Dr. Oliver Scheibenbogen über die unterschätzte Gefahr im Leben junger Menschen

Morgens aufwachen, das Smartphone checken. Abends im Bett: noch ein Video, noch ein Scroll. Irgendwo zwischen Push-Nachrichten, endlosen Feeds und virtuellen Likes verschwimmt die Grenze zwischen normaler Nutzung und digitaler Abhängigkeit. In einem hochaktuellen Interview mit Dr. Oliver Scheibenbogen, klinischer Psychologe und Experte für Suchterkrankungen in Wien, wurde deutlich: Mediensucht ist real – und sie betrifft längst nicht mehr nur Randgruppen.

Ein gesellschaftliches Massenphänomen

„Das Smartphone kontrolliert uns – nicht wir das Smartphone“, bringt es Dr. Scheibenbogen gleich zu Beginn auf den Punkt. Mediensucht ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viele erkennen das Problem bei sich selbst – besonders in der jungen Generation. Doch wie erkennt man, ob die Nutzung bereits zur Sucht geworden ist?

Die Antwort ist überraschend klar: Nicht die Zeit, sondern die Funktion entscheidet. Ob vier Stunden Bildschirmzeit ein Problem sind, hängt davon ab, warum das Gerät genutzt wird. Wer Social Media als Werkzeug nutzt, um zu arbeiten, zu lernen oder sich zu entspannen, ist nicht automatisch gefährdet. Problematisch wird es, wenn das Smartphone zur emotionalen Krücke wird: gegen Einsamkeit, Langeweile, Angst oder Depression.


Die fünf häufigsten Formen der Mediensucht – und warum sie so gefährlich sind

Digitale Abhängigkeit zeigt sich heute nicht mehr nur in einer einzigen Form. Vielmehr sprechen Expert:innen von mehreren Ausprägungen der Mediensucht, die unterschiedliche Bedürfnisse ansprechen – aber nach ähnlichen psychologischen Prinzipien funktionieren. Besonders häufig treten folgende fünf Formen auf:

1. Social Media Sucht – die Suche nach Anerkennung im Endlos-Feed

Rund 15 % der Jugendlichen zeigen laut Studien bereits ein suchtähnliches Verhalten im Zusammenhang mit Social Media. Das bedeutet: Sie verspüren einen inneren Drang, ständig Plattformen wie TikTok, Instagram oder Snapchat zu checken – oft ohne konkreten Zweck. Nicht selten greifen sie reflexartig zum Smartphone, sobald Langeweile, Unsicherheit oder Einsamkeit aufkommt.

Das zentrale psychologische Motiv hinter der Social-Media-Sucht ist soziale Bestätigung. Likes, Kommentare und Views wirken wie kleine Belohnungen für das Gehirn. Jedes positive Feedback setzt Dopamin frei – ein Neurotransmitter, der für Motivation und Glücksgefühle verantwortlich ist. Das Problem: Diese Belohnung ist kurzfristig, flüchtig und unberechenbar. Genau das macht sie so wirksam – und so gefährlich.

Hinzu kommt der ständige soziale Vergleich. Nutzer:innen sehen permanent idealisierte Körper, Karrieren und Lebensstile. Das kann das eigene Selbstwertgefühl massiv untergraben und zu Unzufriedenheit, Stress, FOMO (Fear of Missing Out) und im schlimmsten Fall zu depressiven Verstimmungen führen. Die Plattformen leben davon, dass Nutzer möglichst lange bleiben – nicht davon, dass es ihnen psychisch gut geht.


2. Computerspielsucht – von der Konsole ins Smartphone

Computerspielsucht ist längst kein reines „Nerd-Thema“ mehr. Während klassische Konsolenspiele früher an Ort und Zeit gebunden waren, hat sich das Problem heute stark auf Smartphones verlagert. Mobile Games sind jederzeit verfügbar, oft kostenlos und mit psychologisch ausgefeilten Belohnungssystemen ausgestattet.

Das Prinzip ist einfach: Das Spiel bietet klare Ziele, schnelle Erfolgserlebnisse und eine Welt, in der man Kontrolle hat – etwas, das vielen jungen Menschen im realen Leben fehlt. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die sich im Alltag überfordert, sozial unsicher oder emotional unterversorgt fühlen.

Bei einer echten Computerspielsucht kommt es häufig zu:

  • Vernachlässigung von Schule, Ausbildung oder Arbeit
  • Sozialem Rückzug
  • Schlafmangel
  • Gereiztheit bei Spielunterbrechung
  • Verlust von Interessen außerhalb des Spiels

Das Spiel wird zur Flucht aus der Realität. Die virtuelle Welt fühlt sich sicherer, planbarer und erfolgreicher an als das echte Leben – ein klassischer Suchtmechanismus.


3. Glücksspiel – die unsichtbare Gefahr durch Lootboxen & Microtransactions

Besonders tückisch ist die moderne Form des Glücksspiels, weil sie oft gar nicht mehr als Glücksspiel wahrgenommen wird. In-Game-Käufe wie Lootboxen, Packs oder „Surprise Rewards“ funktionieren nach exakt denselben Prinzipien wie Spielautomaten.

Man investiert Geld – und erhält eine zufällige Belohnung. Manchmal gewinnt man etwas Seltenes, meistens nicht. Genau diese Unvorhersehbarkeit aktiviert das sogenannte variable Belohnungssystem, eines der stärksten Suchtprinzipien überhaupt.

Problematisch ist vor allem:

  • Glücksspiel beginnt heute oft schon im Kindesalter
  • Echtgeld wird in virtuelle Währungen „verschleiert“
  • Die Grenze zwischen Spiel und Sucht verschwimmt
  • Es entstehen reale finanzielle Schäden

Viele junge Menschen entwickeln hier früh ein gestörtes Verhältnis zu Geld, Risiko und Belohnung. Das Gehirn lernt: „Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal“ – ein Mechanismus, der auch bei klassischen Glücksspielabhängigen zu beobachten ist.


4. Pornografiesucht – zwischen Überreizung und emotionaler Leere

Pornografiesucht ist eines der am stärksten tabuisierten Themen – und gleichzeitig eine der häufigsten Formen digitaler Abhängigkeit, besonders bei jungen Männern.

Durch die permanente Verfügbarkeit von extremen Reizen gewöhnt sich das Gehirn an immer stärkere Stimuli. Das führt zu einer Abstumpfung: Normale sexuelle Reize wirken irgendwann nicht mehr ausreichend. Viele Betroffene berichten von:

  • Konzentrationsproblemen
  • Leistungsabfall
  • Sozialem Rückzug
  • Schwierigkeiten in realen Beziehungen
  • Emotionaler Leere und Schamgefühlen

Pornografie wird nicht selten als Stressregulation genutzt: gegen Einsamkeit, Frust oder innere Leere. Kurzfristig entsteht Entspannung – langfristig jedoch eine Entkopplung von echten Emotionen, Nähe und Intimität.


5. Onlineshopping – Konsum ohne Schmerz

Onlineshopping wirkt harmlos – ist es aber nicht. Die sogenannte „Pain of Paying“, also der psychologische Schmerz beim Geldausgeben, wird im digitalen Raum massiv reduziert.

Kein Bargeld, kein reales Übergeben von Geld, keine zeitliche Verzögerung – ein Klick reicht. Kombiniert mit:

  • personalisierten Empfehlungen
  • Flash-Sales
  • Rabattcodes
  • One-Click-Payment

entsteht ein hochgradig suchtförderndes Umfeld.

Viele Menschen kaufen nicht, weil sie etwas brauchen – sondern um:

  • Stress zu kompensieren
  • sich kurzfristig besser zu fühlen
  • Leere zu überdecken
  • Kontrolle zu erleben

Die Folgen sind oft:

  • Schulden
  • Schuldgefühle
  • finanzielle Abhängigkeit
  • emotionale Achterbahn

Auch hier gilt: Das Verhalten dient weniger dem Produkt – sondern der Emotionsregulation.


Was alle fünf gemeinsam haben

Ob Social Media, Gaming, Glücksspiel, Pornografie oder Onlineshopping – alle Formen der Mediensucht nutzen dieselben psychologischen Mechanismen:

  • Dopamin-Belohnungssysteme
  • Variable Verstärkung (man weiß nie, wann die nächste Belohnung kommt)
  • Niedrige Einstiegshürden
  • Sofortige Verfügbarkeit
  • Flucht vor unangenehmen Gefühlen

Das Ziel der Plattformen ist nicht Wohlbefinden – sondern Aufmerksamkeit. Je länger Nutzer bleiben, desto wertvoller sind sie. Und genau darin liegt das strukturelle Problem unserer digitalen Welt: Die Systeme sind so gebaut, dass sie süchtig machen dürfen – und oft auch sollen.

Die Folgen reichen von Konzentrationsstörungen und Schlafproblemen über emotionale Abflachung bis hin zu ernsthaften psychischen Erkrankungen.

Kurz gesagt:

Mediensucht ist kein individuelles Versagen – sondern ein systemisches Risiko unserer Zeit.

Wenn Sucht auf psychische Erkrankung trifft

„Sucht kommt selten allein“, so Scheibenbogen. Hinter problematischem Medienkonsum stecken oft unbehandelte psychische Erkrankungen – Depressionen, Angststörungen, soziale Phobien. Die digitalen Medien bieten einen Ausweg, eine Art Selbstmedikation – aber sie lösen das zugrunde liegende Problem nicht.

Deshalb ist auch die Therapie komplex. Neben einem digitalen Entzug – der durchaus mit körperlichen Symptomen wie Kopfschmerzen einhergehen kann – braucht es eine parallele Behandlung der psychischen Ursachen. Nur so kann ein Rückfall verhindert werden.

Die verlorene emotionale Reife

Viele junge Erwachsene, die sich in Behandlung begeben, sind biologisch zwar volljährig, emotional aber oft auf dem Stand eines 14- oder 15-Jährigen. Was fehlt, ist das emotionale Fundament – die Fähigkeit, Gefühle zu benennen, mit Stress umzugehen, Bindungen aufzubauen.

Ein Grund: Die frühen Jahre mit Smartphones verhindern echte Erfahrungen. Wenn Kinder mit Tablets aufwachsen statt mit anderen Kindern zu spielen, fehlt die Grundlage für soziale Interaktion. Nonverbale Kommunikation, Empathie und emotionale Intelligenz bleiben auf der Strecke.

Corona – Katalysator der Mediensucht

Die Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt. Home-Schooling, Isolation, fehlende soziale Kontakte – all das führte zu einem massiven Anstieg der Bildschirmzeit. Gleichzeitig veränderte sich die gesellschaftliche Haltung zur Nutzung: Videochats, Remote-Arbeit und E-Health-Angebote wurden normal – und verdrängten reale Begegnungen zunehmend.

Doch es gibt Hoffnung. Studien zeigen: Jugendliche selbst erkennen zunehmend, dass es zu viel wird. Viele bitten aktiv um Hilfe – ein Zeichen dafür, dass ein Umdenken stattfindet.

Was können Eltern tun?

„Nicht WLAN abdrehen – Realität attraktiver machen!“ Das ist einer der wichtigsten Ratschläge von Dr. Scheibenbogen. Verbote helfen selten. Viel wichtiger sind Alternativen: Sport, kreative Aktivitäten, gemeinsame Zeit, Gespräche auf Augenhöhe.

Auch kleine Gewohnheiten machen den Unterschied: Eine analoge Uhr statt aufs Handy schauen, ein echter Wecker statt dem Smartphone am Bett. So wird das sogenannte „Checking Behaviour“ reduziert – und die Abhängigkeit durchbrochen.

Medienkompetenz statt Digitalverbot

Das Ziel ist nicht, digitale Medien zu verteufeln. Es geht darum, einen bewussten Umgang zu fördern. Kinder sollten nicht nur lernen, wie Technik funktioniert – sondern auch, wie sie wirkt. Wie sie süchtig machen kann, manipuliert, belohnt – und was das mit dem eigenen Denken und Fühlen macht.

Ein Paradigmenwechsel steht bevor

Das Fazit: Wir stehen an einem Wendepunkt. Unternehmen rufen Mitarbeitende wieder ins Büro, Schulen diskutieren über Handyverbote, und Eltern hinterfragen den Umgang mit Technik neu. Die Zeit ist reif für neue Regeln – und für eine neue Art von Aufklärung.

Denn: Technik kann unterstützen – aber sie kann nicht ersetzen, was wir als Menschen brauchen. Nähe, Sinn, Verbindung.

Die ganze Folge gibt es HIER (und überall wo es Podcasts gibt) zum Nachhören.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.