Impulse von Felix Behm

Tourismus im Wandel: Warum junge Fachkräfte neue Antworten fordern

Tourismus Verband DTV

Der Tourismus gehört zu den Branchen, die viele Menschen emotional ansprechen. Es geht um Begegnungen, um Erlebnisse, um Lebensqualität. Gerade deshalb entscheiden sich auch heute noch viele junge Menschen bewusst für eine Karriere in diesem Bereich. Doch gleichzeitig steht der Tourismus vor grundlegenden Herausforderungen: Fachkräftemangel, strukturelle Unsicherheiten und ein wachsender Erwartungsdruck von Mitarbeitenden wie Gästen.

Im Gespräch mit Emma Messerschmidt und Sonja Pohl vom Next-Generation-Netzwerk des Deutschen Tourismusverbands wird deutlich, dass sich die Branche in einem Spannungsfeld befindet. Einerseits bietet sie sinnstiftende Aufgaben und vielfältige Möglichkeiten. Andererseits fehlen oft die Rahmenbedingungen, um junge Talente langfristig zu halten.

Der Blick auf diese Realität zeigt: Der Wandel im Tourismus ist nicht nur eine Frage von Strategie oder Marketing. Es geht um Arbeitskultur, Führung und die Fähigkeit, neue Perspektiven ernst zu nehmen.


Die emotionale Stärke des Tourismus als Arbeitgeber

Ein zentraler Grund, warum sich junge Menschen für den Tourismus entscheiden, liegt in der inhaltlichen Attraktivität der Branche. Tourismus bedeutet nicht nur wirtschaftliche Wertschöpfung, sondern auch gesellschaftliche Wirkung. Wer in diesem Feld arbeitet, gestaltet Orte, Erlebnisse und Erinnerungen.

Viele Nachwuchskräfte empfinden diese Sinnhaftigkeit als entscheidenden Faktor. Sie sehen ihre Arbeit nicht nur als Job, sondern als Beitrag zur Entwicklung von Regionen und zur Lebensqualität von Menschen. Gerade diese emotionale Dimension unterscheidet den Tourismus von vielen anderen Branchen.

Zudem zeichnet sich der Sektor durch eine große Vielfalt an Tätigkeiten aus. Ob Destinationsmanagement, Marketing, Veranstaltungsorganisation oder politische Interessenvertretung – die Möglichkeiten sind breit gefächert. Diese Vielseitigkeit ermöglicht individuelle Karrierewege und spricht unterschiedliche Interessen an.

Doch diese Attraktivität stößt schnell an Grenzen, wenn strukturelle Bedingungen nicht mithalten können.


Strukturelle Herausforderungen und wirtschaftliche Realität

Trotz seiner Bedeutung kämpft der Tourismus mit einem Imageproblem als Arbeitgeber. Niedrigere Gehälter im Vergleich zu anderen Branchen, begrenzte Aufstiegsmöglichkeiten und eine hohe Arbeitsbelastung gehören zu den häufig genannten Kritikpunkten.

Hinzu kommt die Krisenanfälligkeit der Branche. Ereignisse wie die Corona-Pandemie haben gezeigt, wie stark externe Faktoren den Tourismus beeinflussen können. Für junge Menschen, die gerade am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn stehen, bedeutet diese Unsicherheit ein erhebliches Risiko.

Gleichzeitig entsteht ein Widerspruch: Der Tourismus trägt wesentlich zur regionalen Entwicklung bei und wirkt als wirtschaftlicher Motor. Dennoch fehlt oft die politische und gesellschaftliche Anerkennung für diese Leistung. Diese Diskrepanz prägt die Wahrnehmung der Branche – und beeinflusst Entscheidungen junger Fachkräfte.


Generation Z und das veränderte Verständnis von Arbeit

Die Erwartungen an Arbeit haben sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Für viele junge Menschen steht nicht mehr allein die Karriere im Mittelpunkt, sondern ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Beruf und Privatleben.

Das bedeutet nicht, dass Leistungsbereitschaft abnimmt. Vielmehr geht es um andere Prioritäten: faire Bezahlung, flexible Arbeitsmodelle, Entwicklungsmöglichkeiten und ein respektvoller Umgang.

Vorurteile gegenüber der Generation Z – etwa mangelnde Belastbarkeit oder fehlende Motivation – greifen zu kurz. Stattdessen zeigt sich ein stärkeres Bewusstsein für persönliche Bedürfnisse und langfristige Lebensplanung.

Diese Entwicklung fordert Unternehmen heraus, ihre Strukturen zu überdenken. Wer junge Talente gewinnen und halten möchte, muss neue Formen der Zusammenarbeit ermöglichen.


Führungskultur als Schlüssel zur Fachkräftesicherung

Ein zentrales Thema im Tourismus ist die Frage nach zeitgemäßer Führung. Viele Organisationen arbeiten noch mit hierarchischen Strukturen, die wenig Raum für Eigeninitiative lassen.

Junge Mitarbeitende wünschen sich dagegen Vertrauen, Mitgestaltung und transparente Kommunikation. Wertschätzung spielt dabei eine entscheidende Rolle. Sie zeigt sich nicht in symbolischen Gesten, sondern in echter Beteiligung an Entscheidungsprozessen.

Auch Teamkultur und persönliche Entwicklungsmöglichkeiten gewinnen an Bedeutung. Unternehmen, die auf Förderung und Forderung zugleich setzen, schaffen ein Umfeld, in dem Motivation langfristig entstehen kann.

Die Transformation der Führungskultur wird damit zu einem zentralen Wettbewerbsfaktor im Kampf um Fachkräfte.


Ausbildung und Studium zwischen Theorie und Praxis

Die Bildungslandschaft im Tourismus ist vielfältig und bietet zahlreiche Einstiegsmöglichkeiten. Duale Studiengänge, klassische Universitätsprogramme und berufsbegleitende Modelle eröffnen unterschiedliche Wege in die Branche.

Dennoch bleibt die Verbindung zwischen Theorie und Praxis eine Herausforderung. Wenn Studierende im Berufsalltag vor allem Routineaufgaben übernehmen, entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Anspruch und Realität.

Eine stärkere Einbindung in strategische Prozesse könnte dazu beitragen, Motivation und Identifikation zu erhöhen. Gleichzeitig zeigt sich, dass praxisnahe Formate wie Projektarbeiten oder Kooperationen mit Unternehmen wichtige Impulse setzen können.

Die Qualität der Ausbildung wird damit zu einem entscheidenden Faktor für die Zukunftsfähigkeit des Tourismus.


Digitalisierung und KI als Chance für Effizienz und Innovation

Technologische Entwicklungen verändern die Arbeitswelt im Tourismus zunehmend. Künstliche Intelligenz kann administrative Prozesse erleichtern, Daten analysieren und Kommunikationsabläufe optimieren.

Gerade zeitintensive Aufgaben wie Textproduktion, Datenstrukturierung oder Informationsaufbereitung lassen sich effizienter gestalten. Dies eröffnet Raum für strategische und kreative Tätigkeiten.

Gleichzeitig bleibt der persönliche Kontakt ein zentraler Bestandteil des touristischen Erlebnisses. Authentizität, individuelle Beratung und menschliche Begegnung können durch Technologie nicht ersetzt werden.

Die Herausforderung besteht darin, Digitalisierung als Unterstützung zu verstehen – nicht als Ersatz für menschliche Kompetenzen.


Generation Z als Reisende: Erwartungen an Infrastruktur und Service

Neben ihrer Rolle als Fachkräfte prägt die Generation Z auch als Zielgruppe den Tourismus. Ihre Erwartungen an Reisen sind stark von internationalen Erfahrungen und digitalen Standards beeinflusst.

Ein reibungsloses Mobilitätssystem, klare Informationsstrukturen und intuitive digitale Angebote werden zunehmend als selbstverständlich angesehen. Länder mit einheitlichen Ticketing-Systemen oder zentralen Informationsplattformen setzen hier Maßstäbe.

Deutschland steht vor der Aufgabe, diese Anforderungen stärker zu berücksichtigen. Denn ein unkompliziertes Reiseerlebnis entscheidet maßgeblich über die Zufriedenheit von Gästen – und damit über die Wettbewerbsfähigkeit von Destinationen.


Internationalität als Chance für Vielfalt und Innovation

Ein weiterer Aspekt, der in der Diskussion an Bedeutung gewinnt, ist die Internationalität der Arbeitswelt. Multikulturelle Teams bringen unterschiedliche Perspektiven ein und fördern Innovation.

Im internationalen Vergleich zeigt sich, dass diese Vielfalt in einigen Ländern selbstverständlicher gelebt wird als in Deutschland. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für die Vorteile interkultureller Zusammenarbeit.

Für den Tourismus kann dies ein entscheidender Faktor sein, um authentische und vielfältige Angebote zu entwickeln.


Fazit: Zukunft gestalten statt Status quo verwalten

Der Tourismus befindet sich in einem Transformationsprozess. Die Branche verfügt über starke emotionale Argumente und eine hohe gesellschaftliche Relevanz. Doch um langfristig erfolgreich zu sein, muss sie ihre Strukturen an veränderte Erwartungen anpassen.

Die Perspektiven junger Fachkräfte bieten dabei wichtige Impulse. Sie zeigen, wo Veränderungsbedarf besteht – und welche Chancen sich daraus ergeben.

Wer Innovation, Wertschätzung und moderne Arbeitsmodelle miteinander verbindet, kann den Tourismus nicht nur stabilisieren, sondern weiterentwickeln.

Die Zukunft des Sektors wird entscheidend davon abhängen, wie gut es gelingt, diesen Wandel aktiv zu gestalten.

Wer mehr zum Deutschen Tourismusverband lesen möchte:

https://www.deutschertourismusverband.de/ueber-uns/facharbeit

Die Podcastfolge mit dem Interview findest du wie immer HIER.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.