Impulse von Felix Behm

Wenn digitale Welten zur Flucht werden und warum Mediensucht mehr ist als ein Nutzungsproblem

Florian Buschmann x Felix Behm

Mediensucht – was ist das eigentlich?

Digitale Medien prägen den Alltag junger Menschen wie keine Generation zuvor. Smartphones, Games und soziale Netzwerke sind selbstverständlicher Teil von Kommunikation, Freizeit und Identitätsbildung. Doch wo liegt die Grenze zwischen intensiver Nutzung und Abhängigkeit?

Im Gespräch mit Felix Behm berichtet Florian Buschmann offen über seine eigene Geschichte. Als Jugendlicher verlor er zunehmend den Halt, zog sich in virtuelle Welten zurück und spielte zeitweise bis zu 16 Stunden täglich. Schule, soziale Kontakte und persönliche Ziele gerieten in den Hintergrund. Erst ein schmerzhafter Erkenntnismoment führte zu einer radikalen Entscheidung: dem vollständigen Ausstieg aus der digitalen Abhängigkeit.  

Heute arbeitet Buschmann als Trainer und begleitet Schulen sowie Familien im Umgang mit Mediensucht. Sein Ansatz: nicht das Verhalten isoliert betrachten, sondern den Menschen dahinter verstehen.

Die Suche nach Zugehörigkeit im Digitalen

Digitale Abhängigkeit entsteht selten aus Langeweile. Häufig sind es tieferliegende Bedürfnisse, die junge Menschen in virtuelle Welten treiben: Anerkennung, Zugehörigkeit, emotionale Stabilität.

In Online-Games oder sozialen Netzwerken finden viele Jugendliche eine Community, die ihnen Sicherheit vermittelt. Gleichzeitig können sie dort negative Gefühle ausblenden. Diese Mechanismen verstärken sich, wenn im realen Umfeld Kommunikationsprobleme oder Unsicherheiten bestehen.

Buschmann betont, dass Mediensucht nicht allein durch Regeln oder technische Einschränkungen gelöst werden kann. Entscheidend sei die Frage: Warum sucht jemand diese digitale Welt auf?

Warnsignale erkennen

Für Eltern und Lehrkräfte ist es oft schwierig, problematische Mediennutzung rechtzeitig zu erkennen. Digitale Geräte sind heute fester Bestandteil des Alltags – intensive Nutzung allein ist noch kein Hinweis auf Abhängigkeit. Entscheidend ist vielmehr, ob sich Verhalten, Stimmung oder Lebensgestaltung eines jungen Menschen spürbar verändern.

Ein erstes Warnsignal kann der schleichende Rückzug aus sozialen Kontakten sein. Jugendliche, die sich zunehmend in digitale Räume zurückziehen, verbringen weniger Zeit mit Freundinnen und Freunden im realen Leben. Treffen werden abgesagt, gemeinsame Aktivitäten verlieren an Bedeutung. Oft entsteht dabei eine paradoxe Situation: Online fühlen sich Betroffene vernetzt, offline jedoch isoliert.

Auch schulische Leistungen oder Hobbys können unter problematischer Mediennutzung leiden. Hausaufgaben werden vernachlässigt, Interessen, die früher wichtig waren, treten in den Hintergrund. Sportvereine, Musikunterricht oder kreative Aktivitäten verlieren an Reiz, weil digitale Angebote schneller verfügbare Erfolgserlebnisse bieten.

Ein weiteres typisches Zeichen sind emotionale Ausbrüche, wenn Mediennutzung eingeschränkt wird. Wut, Frustration oder starke Gereiztheit können darauf hinweisen, dass digitale Aktivitäten eine zentrale emotionale Funktion übernehmen. In solchen Momenten geht es selten nur um das Gerät selbst, sondern um das Gefühl von Kontrolle, Zugehörigkeit oder Entlastung, das damit verbunden ist.

Problematisch wird es auch, wenn Nutzung heimlich erfolgt oder durch Lügen verschleiert wird. Versteckte Geräte, heimliches Spielen in der Nacht oder falsche Angaben zur Nutzungsdauer sind Hinweise darauf, dass Jugendliche selbst spüren, dass ihr Verhalten kritisch sein könnte – gleichzeitig aber nicht in der Lage sind, es eigenständig zu verändern.

Schließlich kann eine generelle Interessenlosigkeit gegenüber Aktivitäten außerhalb digitaler Welten ein Warnsignal sein. Wenn nichts mehr Freude bereitet außer Bildschirmangeboten, deutet das darauf hin, dass reale Erfahrungen als weniger erfüllend erlebt werden.

Wichtig ist jedoch: Diese Signale sollten nie isoliert bewertet werden. Sie sind häufig Ausdruck tieferliegender Unsicherheiten, Konflikte oder emotionaler Belastungen. Wer problematische Mediennutzung verstehen will, muss deshalb nicht nur auf Bildschirmzeiten schauen, sondern auf die Lebenssituation des jungen Menschen insgesamt.

Warum Verbote zu kurz greifen

In politischen Debatten werden immer wieder Social-Media-Verbote oder Altersgrenzen diskutiert. Buschmann sieht solche Maßnahmen kritisch, wenn sie isoliert umgesetzt werden.

Verbote können kurzfristig Orientierung geben, ersetzen aber keine Aufklärung. Jugendliche werden früher oder später mit digitalen Plattformen konfrontiert. Ohne begleitende Kompetenzentwicklung besteht die Gefahr, dass sie unvorbereitet in digitale Lebenswelten eintreten.

Zudem kann ein reines Verbot Ausweichbewegungen fördern: Wird eine Plattform eingeschränkt, weichen Jugendliche auf andere digitale Angebote aus.

Prävention als gesellschaftliche Aufgabe

Buschmann plädiert für flächendeckende Präventionsarbeit. Medienkompetenz müsse regelmäßig in Schulen thematisiert werden – nicht als einmaliges Projekt, sondern als kontinuierlicher Prozess.

Gleichzeitig sieht er Eltern in einer zentralen Rolle. Sie benötigen Unterstützung, um digitale Erziehung bewusst zu gestalten. Dabei gehe es nicht nur um technische Regeln, sondern um Beziehung, Kommunikation und Vorbildfunktion.

Ein wichtiger Ansatz ist die Übertragung realer Werte in digitale Kontexte. Wenn Gewalt oder problematische Inhalte im realen Leben abgelehnt werden, sollten diese Maßstäbe auch für digitale Inhalte gelten.

Die Bedeutung von Beziehung

Ein wiederkehrendes Motiv im Gespräch ist die Beziehungsebene. Viele Konflikte rund um Mediennutzung entstehen nicht primär durch die Technologie selbst, sondern durch fehlende Kommunikation.

Buschmann beschreibt Fälle, in denen Jugendliche aggressive Reaktionen zeigen, wenn Medien eingeschränkt werden. Dahinter stecken häufig Gefühle von Einsamkeit oder Überforderung.

Externe Unterstützung kann helfen, festgefahrene Dynamiken aufzubrechen. Eltern sind emotional involviert und benötigen manchmal Moderation von außen, um neue Perspektiven zu entwickeln.

Wege aus der Abhängigkeit

Der Ausstieg aus problematischer Mediennutzung ist ein Prozess. Er beginnt mit der Einsicht, dass Veränderung notwendig ist. Danach folgen konkrete Schritte, die individuell gestaltet werden müssen.

Buschmann empfiehlt, sich Unterstützung zu suchen – etwa durch Gleichaltrige oder professionelle Begleitung. Entscheidend ist, dass Betroffene den Weg nicht allein gehen.

Auch kleine Veränderungen können langfristig Wirkung zeigen: klare Regeln, bewusste Offline-Zeiten und alternative Aktivitäten.

Fazit

Digitale Medien sind weder grundsätzlich gut noch schlecht. Sie spiegeln gesellschaftliche Entwicklungen wider und bieten Chancen ebenso wie Risiken.

Mediensucht ist kein rein technisches Problem, sondern ein psychologisches und soziales. Lösungen erfordern deshalb einen ganzheitlichen Ansatz: Prävention, Beziehung, Aufklärung und klare Rahmenbedingungen.

Die Debatte über Verbote greift zu kurz, wenn sie nicht von Bildungs- und Unterstützungsangeboten begleitet wird. Entscheidend ist, junge Menschen zu befähigen, digitale Räume selbstbestimmt zu nutzen.

Links:

Webseite: https://www.florian-buschmann.de/

Buch: https://www.amazon.de/Ade-Avatar-Schritte-die-Freiheit/dp/3752667044/ref=sr111?keywords=computersucht&qid=1679571154&sr=8-11

…und die Podcastaufnahme findest du HIER.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.