Impulse von Felix Behm

Berufsorientierung im Wandel: Warum junge Menschen heute schwerer den passenden Beruf finden

Joachim Jo Diercks x Felix Behm

„Was willst du später einmal werden?“

Kaum eine Frage begleitet junge Menschen so lange wie diese. Früher schien die Antwort darauf oft klarer zu sein: Man lernte einen Beruf, arbeitete viele Jahre darin und blieb meist im selben Bereich.

Heute sieht das anders aus.

Die Möglichkeiten sind größer geworden – aber genau das macht die Entscheidung häufig schwieriger. Tausende Studiengänge, hunderte Ausbildungsberufe und unzählige Spezialisierungen sorgen dafür, dass viele Jugendliche eher überfordert als orientiert sind.

Im Generation Z Talk spricht Felix Behm mit Joachim „Jo“ Diercks, Gründer von CYQUEST, über genau dieses Problem: Warum Berufsorientierung heute komplexer geworden ist und was sich ändern müsste, damit junge Menschen den passenden Weg finden.


Wenn zu viele Optionen zum Problem werden

Ein zentraler Punkt im Gespräch: Die enorme Vielfalt an Möglichkeiten.

Allein in Deutschland existieren tausende Studiengänge. Dazu kommen mehrere hundert Ausbildungsberufe. Für junge Menschen bedeutet das eine riesige Auswahl – aber eben auch eine enorme Entscheidungsbelastung.

Joachim Diercks beschreibt das Bild sehr treffend:

Man steht vor einer riesigen Regalwand voller Optionen und soll sich einfach etwas aussuchen.  

Das Problem: Wer nicht weiß, wonach er sucht, wird von dieser Vielfalt eher gelähmt als inspiriert.

Viele Jugendliche greifen deshalb zu Abkürzungen:

  • Sie orientieren sich an Freunden
  • Sie folgen den Erwartungen der Eltern
  • Sie wählen bekannte Berufe aus Medien oder Umfeld

Diese Entscheidungen entstehen selten aus echter Passung – sondern aus Orientierungslosigkeit.


Ein strukturelles Problem der Berufsorientierung

Ein weiterer Grund liegt im Bildungssystem selbst.

Berufsorientierung findet häufig sehr spät statt. Oft erst in den letzten Schuljahren – und dann innerhalb eines sehr kurzen Zeitfensters.

Doch genau das ist aus Sicht vieler Experten problematisch.

Denn die Entscheidung über Ausbildung oder Studium entsteht nicht innerhalb weniger Monate. Sie braucht Zeit, Erfahrung und verschiedene Einblicke.

Diercks plädiert deshalb für ein anderes Verständnis von Berufsorientierung: weg von einem Zeitpunkt – hin zu einem längeren Prozess.

Idealerweise sollte Berufsorientierung bereits früh beginnen und sich über mehrere Jahre entwickeln.


Warum so viele Ausbildungswege scheitern

Ein Indikator dafür, dass vieles nicht optimal läuft, sind die Abbruchquoten.

In Deutschland werden ungefähr ein Viertel aller Studiengänge und Ausbildungen abgebrochen. In manchen Branchen liegt die Quote sogar deutlich höher.

Gerade in Bereichen wie Gastronomie können Abbruchquoten über 50 Prozent erreichen.  

Diese Zahlen zeigen deutlich: Viele junge Menschen treffen ihre Entscheidung auf einer zu schmalen Informationsbasis.

Die Folgen sind vielfältig:

  • Frustration bei den jungen Menschen
  • Kosten für Unternehmen
  • Zeitverlust im Lebenslauf
  • wirtschaftliche Folgen für den Arbeitsmarkt

Dabei wäre ein Teil dieser Fehlentscheidungen vermeidbar.


Warum viele spannende Berufe kaum jemand kennt

Ein besonders interessantes Problem liegt an einem anderen Ende des Spektrums.

Es gibt Berufe, auf die sich sehr viele Menschen bewerben – etwa Industriekaufmann oder klassische kaufmännische Tätigkeiten.

Und es gibt Berufe, von denen kaum jemand gehört hat.

Diese sogenannten „unsichtbaren Berufe“ haben häufig ein enormes Potenzial, bleiben aber unentdeckt. Nicht, weil sie unattraktiv wären, sondern weil sie schlicht nicht bekannt sind.

Wenn weder Eltern noch Lehrer oder Freunde etwas darüber wissen, tauchen diese Optionen in der Berufswahl oft gar nicht erst auf.

Das Ergebnis: Viele passende Talente finden nie den Weg in diese Berufe.


Neue Wege der Berufsorientierung

Genau hier setzen moderne Ansätze an.

Eine Möglichkeit sind sogenannte Matching-Tools. Sie funktionieren ähnlich wie bekannte Online-Formate: Nutzer beantworten kurze Fragen oder treffen schnelle Entscheidungen – etwa über einfache „Daumen hoch“ oder „Daumen runter“-Mechanismen.

Aus diesen Antworten lässt sich eine Passung zu bestimmten Berufen ableiten.

Der Vorteil: Junge Menschen müssen sich nicht zuerst durch hunderte Optionen arbeiten. Stattdessen erhalten sie eine kleinere Auswahl an Berufen, die zu ihren Interessen und Fähigkeiten passen könnten.

Damit wird aus einer riesigen Auswahl ein überschaubares Set von Optionen.


Virtuelle Mini-Praktika

Eine weitere spannende Entwicklung sind sogenannte virtuelle Praktika.

Dabei können Jugendliche innerhalb weniger Minuten einen kleinen Einblick in einen Beruf bekommen. Nicht als Theorie, sondern als interaktive Erfahrung.

Das funktioniert zum Beispiel über spielerische Simulationen.

Man erlebt typische Aufgaben eines Berufs – vereinfacht, aber realitätsnah. So lässt sich zumindest ein erster Eindruck gewinnen.

Natürlich ersetzt das kein echtes Praktikum.

Aber es hat einen großen Vorteil: Man kann viele Berufe ausprobieren, ohne wochenlang Zeit investieren zu müssen.


Warum Unternehmen stärker gefragt sind

Ein wichtiger Punkt im Gespräch: Berufsorientierung ist nicht nur Aufgabe von Schulen.

Auch Unternehmen tragen Verantwortung.

Denn letztlich profitieren sie selbst davon, wenn junge Menschen besser informiert sind und die passende Entscheidung treffen.

Das kann auf ganz unterschiedlichen Wegen passieren:

  • Schulkooperationen
  • Praktikumsangebote
  • Azubi-Events
  • einfache Selbsttests
  • Einblicke in reale Arbeitsabläufe

Manchmal reichen schon kleine Ideen, um Jugendlichen ein realistischeres Bild eines Berufs zu vermitteln.


Die Rolle von KI bei der Berufsorientierung

Natürlich spielt auch künstliche Intelligenz eine immer größere Rolle.

Viele junge Menschen nutzen heute bereits KI-Tools, um Fragen zur Berufswahl zu stellen.

Doch auch hier gibt es Risiken.

Denn KI-Systeme neigen dazu, häufige Antworten zu wiederholen – und damit immer wieder die gleichen Berufe vorzuschlagen.

Das kann die Vielfalt sogar weiter einschränken.

Deshalb wird KI vermutlich eher als Ergänzung funktionieren: als Werkzeug, um Informationen zu vertiefen – nicht als alleinige Entscheidungsgrundlage.


Fazit: Berufsorientierung muss früher und vielfältiger werden

Die Arbeitswelt verändert sich. Und damit auch die Anforderungen an Berufsorientierung.

Junge Menschen brauchen heute mehr Unterstützung, mehr Einblicke und mehr Möglichkeiten zum Ausprobieren.

Die Lösung liegt wahrscheinlich nicht in einem einzelnen Instrument.

Sondern in einer Kombination aus:

  • früher Orientierung
  • praktischen Erfahrungen
  • digitalen Tools
  • persönlicher Beratung
  • stärkerer Einbindung von Unternehmen

Wenn diese Elemente zusammenkommen, steigt die Wahrscheinlichkeit deutlich, dass junge Menschen den Beruf finden, der wirklich zu ihnen passt.

Und genau darum geht es am Ende.

Mehr Infos zu Joachim Jo Diercks und CYQUEST: https://www.cyquest.net/company/

Zur gemeinsamen Podcastfolge mit Joachim Jo Diercks und mir geht es HIER.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.