Impulse von Felix Behm

Bewerbung, Bildung, Beruf: Was junge Menschen heute wirklich brauchen

Anton Schoepe & Felix Behm

Wenn über die Generation Z gesprochen wird, dominieren häufig Schlagworte wie „orientierungslos“, „anspruchsvoll“ oder „nicht belastbar“. Gleichzeitig klagen Unternehmen über Fachkräftemangel, unbesetzte Ausbildungsplätze und fehlende Bewerbungen. Zwischen diesen beiden Polen entsteht ein Spannungsfeld, das oft mit Schuldzuweisungen gefüllt wird – selten jedoch mit echten Lösungen.

Das Gespräch mit Anton Schoepe, Gründer der Jobplattform IntoJob, zeigt eine andere Perspektive. Eine, die näher an der Realität junger Menschen ist – und näher an den strukturellen Problemen unseres Bildungs- und Arbeitsmarktes.


Gründen aus einem echten Problem heraus

Anton gründete IntoJob mit 16 Jahren. Der Auslöser war simpel – und bezeichnend:

Er suchte selbst einen Minijob in seiner Region und stellte fest, dass es online kaum passende Angebote gab. Jobs wurden über persönliche Kontakte vergeben, nicht über transparente Plattformen. Wer niemanden kannte, hatte Pech.

Aus dieser Erfahrung entstand eine regionale Plattform für:

  • Minijobs
  • Praktika
  • Ausbildungsplätze
  • Ehrenamt

Heute ist IntoJob vergleichbar mit großen Jobbörsen – aber regional, jugendfokussiert und praxisnah. Genau darin liegt der Unterschied.


Regionalität statt Reichweitenillusion

Während große Plattformen bundesweit agieren, setzt IntoJob bewusst auf Nähe. Schulen, Unternehmen und Jugendliche kennen Anton persönlich. Er organisiert Berufsmessen, hält Workshops und vermittelt direkt zwischen beiden Seiten.

Das Ergebnis:

  • deutlich mehr passende Angebote
  • geringere Einstiegshürden
  • Vertrauen auf beiden Seiten

Jugendliche finden nicht fünf Ausbildungsstellen im Umkreis, sondern 50 oder mehr. Unternehmen erreichen wirklich die Zielgruppe – nicht nur Klickzahlen.


Bewerbung: Das größte Missverständnis unserer Zeit

Ein zentrales Thema des Interviews ist der Bewerbungsprozess selbst.

Anton bringt es klar auf den Punkt: Die klassische Textbewerbung ist überholt.

Nicht, weil sie schlecht ist – sondern weil sie durch KI austauschbar geworden ist. Anschreiben lassen sich heute in Sekunden generieren. Das führt bei Unternehmen oft zu Skepsis:

„Wenn KI genutzt wurde, hat sich der Bewerber keine Mühe gegeben.“

Anton widerspricht:

KI-Nutzung ist kein Zeichen von Faulheit – sondern von Effizienz.

Wer heute auf KI verzichtet, arbeitet nicht authentischer, sondern oft nur langsamer.


Videobewerbungen: ehrlicher, direkter, zukunftsfähig

In seinen Schul-Workshops setzt Anton deshalb auf Videobewerbungen.

Nicht als Pflichtformat – sondern als Kompetenztraining.

Die Jugendlichen lernen:

  • sich klar zu präsentieren
  • ihre Motivation zu erklären
  • sicher vor der Kamera zu sprechen

Der Inhalt bleibt derselbe wie bei einer Textbewerbung.

Der Unterschied: Persönlichkeit wird sichtbar.

Gerade für Unternehmen ist das ein Gewinn:

  • weniger Zeitaufwand
  • bessere Vorauswahl
  • authentischere Eindrücke

Videobewerbungen sind damit nicht nur „modern“, sondern KI-resistenter – und näher am echten Menschen.


Orientierungslosigkeit ist kein Makel, sondern Realität

Anton arbeitet regelmäßig mit Schüler:innen der 8. bis 12. Klasse.

Wenn er fragt, wer weiß, was er später machen möchte, melden sich nur wenige.

Das ist kein Versagen – sondern logisch.

Über 300 Ausbildungsberufe.

Zehntausende Studiengänge.

Dazu gesellschaftlicher Druck, familiäre Erwartungen und Zukunftsängste.

Orientierungslosigkeit ist das Ergebnis eines Systems, das zu früh Entscheidungen verlangt – und zu wenig Orientierung bietet.


Sinn statt Status

Ein wiederkehrendes Thema ist der Wunsch nach Sinnhaftigkeit.

Junge Menschen wollen nicht „irgendeinen Job“. Sie wollen verstehen:

  • wofür sie arbeiten
  • welchen Beitrag sie leisten
  • warum ihre Arbeit relevant ist

Dabei ist „sinnvoll“ kein objektives Kriterium.

Jeder Beruf kann Sinn stiften – wenn er zur Person passt.

Die entscheidende Veränderung:

Junge Menschen werden wählerischer.

Nicht aus Bequemlichkeit – sondern aus Selbstschutz.


Ausbildung braucht ein neues gesellschaftliches Image

Ein besonders kritischer Punkt im Interview: das Bild von Ausbildung.

Noch immer gilt sie für viele als „Plan B“, während das Studium als Königsweg verkauft wird.

Die Folge:

  • überfüllte Studiengänge
  • steigende Akademikerarbeitslosigkeit
  • massive Fachkräftelücken im Handwerk

Anton fordert ein Umdenken:

Ausbildung ist keine schlechtere Alternative – sondern eine gleichwertige, oft sogar passendere Option.

Nicht jeder ist theoretisch begabt.

Aber viele sind praktisch hochkompetent.


Eltern als unterschätzter Einflussfaktor

Ein klarer Befund aus Antons Arbeit:

Die stärksten Entscheider sind oft nicht die Jugendlichen – sondern ihre Eltern.

Gut gemeinte Ratschläge („Mach Abi, dann Studium“) führen nicht selten in Sackgassen. Jugendliche folgen – und landen später frustriert oder arbeitslos.

Hier braucht es:

  • ehrliche Aufklärung
  • mehr Berufsorientierung
  • weniger Statusdenken

Generation Z: fordert viel – übernimmt aber auch Verantwortung

Das oft zitierte Vorurteil, junge Menschen wollten keine Verantwortung übernehmen, weist Anton klar zurück. In Gründer-Netzwerken, Ehrenamt und politischem Engagement erlebt er das Gegenteil.

Die Generation Z fordert viel – weil sie Verantwortung für die Zukunft trägt.

Und sie ist bereit, diese Verantwortung zu übernehmen, wenn man sie lässt.


Fazit: Zuhören statt urteilen

Dieses Gespräch zeigt:

Die Herausforderungen liegen nicht bei den Jugendlichen – sondern in veralteten Strukturen.

Wer junge Menschen verstehen will, muss:

  • zuhören
  • Vorurteile ablegen
  • neue Wege zulassen

Bewerbung, Bildung und Beruf stehen vor einem Wandel.

Und dieser Wandel beginnt dort, wo junge Menschen ernst genommen werden.

Die ausführliche Podcastfolge gibt es HIER.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.