Impulse von Felix Behm

ARD-Arena: Wenn junge Menschen nicht mehr an den Gesellschaftsvertrag glauben

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Die ARD-Arena bringt unbequeme Fragen ans Licht:

„Warum soll ich für dieses Land kämpfen?“ –
eine Frage, die Deutschland gerade nicht loslässt

Es war kein lauter Moment. Kein empörter Zwischenruf, kein kalkulierter Provokationsversuch. Es war eine ruhig gestellte Frage, fast sachlich, fast zurückhaltend. Und gerade deshalb traf sie so viele Menschen mitten ins Zentrum eines diffusen Unbehagens, das sich seit Jahren aufstaut.

„Warum soll ich für dieses Land kämpfen, wenn es mir nicht das Gefühl gibt, dass es für mich kämpft?“

Ein junger Zuschauer stellt diese Frage im ARD-Format Die Arena dem Bundeskanzler Friedrich Merz. Wenige Stunden später kursiert der Clip in sozialen Netzwerken, wird hunderttausendfach kommentiert, geteilt, diskutiert. Zustimmung, Empörung, Abwehr. Doch unabhängig davon, wie man politisch zu Friedrich Merz steht: Diese Frage ist nicht das Problem eines Einzelnen. Sie ist Ausdruck eines generationellen Zustands.

Wer jungen Menschen heute zuhört, hört diese Frage in unzähligen Variationen. Sie wird selten so klar formuliert, aber sie steckt in vielen Gesprächen über Zukunft, Arbeit, Politik und Zugehörigkeit. Die Generation Z wächst in einem Land auf, das wirtschaftlich stark ist, institutionell stabil – und gleichzeitig für viele von ihnen immer schwerer greifbar.

Lebenshaltungskosten steigen schneller als Einkommen. Wohnraum wird knapper, Mobilität teurer, gesellschaftliche Aufstiegserzählungen brüchiger. Gleichzeitig erleben junge Menschen politische Entscheidungen, deren langfristige Folgen sie tragen sollen: in der Rente, im Klima, in der Infrastruktur, im Sozialstaat. Was sie vermissen, ist nicht nur Geld oder konkrete Programme. Was fehlt, ist das Gefühl, dass ihre Perspektive strukturell mitgedacht wird.

Wenn der Kulturpass gestrichen wird, während Bahnpreise steigen; wenn politische Entscheidungen mit dem Verweis auf „Sachzwänge“ getroffen werden, deren Konsequenzen vor allem die Jüngeren betreffen; wenn von Verzicht, Pflicht und Verantwortung gesprochen wird, ohne gleichzeitig Beteiligung und Gestaltung anzubieten – dann entsteht Distanz. Keine aggressive, sondern eine stille, rationale Distanz.

Diese Generation ist nicht politikfern. Sie ist müde von Symbolen ohne Wirkung. Sie akzeptiert Autorität nicht mehr automatisch, sondern fragt nach Begründungen, nach Fairness, nach Gegenseitigkeit. Das ist kein Zeichen von Bequemlichkeit, sondern von politischer Mündigkeit. Der Begriff „kämpfen“, den der junge Mann benutzt, ist dabei bemerkenswert. Kämpfen ist ein starkes Wort. Es impliziert Opfer, Einsatz, Loyalität. Doch Loyalität entsteht nicht durch Appelle. Sie entsteht durch Vertrauen. Und Vertrauen entsteht dort, wo Menschen erleben, dass Einsatz nicht einseitig eingefordert wird.

Viele junge Menschen haben heute nicht das Gefühl, Teil eines gemeinsamen Zukunftsprojekts zu sein, sondern eher Teil einer langfristigen Risikoabwägung. Sie sollen tragen, absichern, stabilisieren – während die Spielräume für eigenes Gestalten begrenzt bleiben. Politik erscheint ihnen häufig als Verwaltung des Bestehenden, nicht als Einladung zur Mitgestaltung des Kommenden. Dabei ist diese Generation bereit, Verantwortung zu übernehmen. Das zeigen Engagementformen abseits klassischer Parteistrukturen, das zeigen Debatten über Klima, Gleichberechtigung, mentale Gesundheit oder Arbeitskultur. Aber sie möchten Verantwortung nicht in einem System übernehmen, das ihnen zugleich signalisiert, dass ihre Bedürfnisse nachrangig sind oder später behandelt werden.

Oft wird in Reaktionen auf solche Fragen auf Dankbarkeit verwiesen: auf Frieden, Wohlstand, Sicherheit. Diese Argumente sind nicht falsch. Doch Dankbarkeit allein ist keine Zukunftsstrategie. Sie beantwortet nicht die Frage, wie junge Menschen heute leben, arbeiten und planen sollen. Sie ersetzt keine Perspektive. Die Frage „Warum soll ich für dieses Land kämpfen?“ ist deshalb keine Respektlosigkeit. Sie ist eine erwachsene, demokratische Frage. Sie fragt nicht nach Privilegien, sondern nach Fairness. Nicht nach Bequemlichkeit, sondern nach Sinn. Und sie richtet sich nicht nur an eine Regierung oder einen Kanzler, sondern an ein gesellschaftliches Selbstverständnis. Sie fordert dazu auf, den Generationenvertrag neu zu denken – nicht moralisch, sondern strukturell. Nicht als Schuldzuweisung, sondern als Angebot.

Wenn dieses Land möchte, dass junge Menschen sich engagieren, Verantwortung übernehmen und auch in schwierigen Zeiten solidarisch handeln, dann muss es ihnen zeigen, dass ihre Lebensrealität ernst genommen wird. Dass Entscheidungen nicht nur mit Blick auf vergangene Stabilität, sondern auf zukünftige Tragfähigkeit getroffen werden. Dass Beteiligung mehr ist als ein Schlagwort. Vielleicht liegt die eigentliche Irritation dieses Moments darin, dass ein junger Mensch ausgesprochen hat, was viele denken – ohne Parolen, ohne Lautstärke, ohne ideologischen Unterton. Einfach als Frage.

Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem Politik wieder ansetzen müsste: weniger erklären, mehr zuhören. Weniger verteidigen, mehr einbinden. Denn Loyalität, Zusammenhalt und Einsatzbereitschaft entstehen dort, wo Menschen das Gefühl haben, nicht nur gebraucht zu werden – sondern auch gemeint zu sein.

Über den Autor Felix Behm

Speaker Generation Z

Felix Behm ist Keynote Speaker und führender Experte zum Thema Generation Z.

Er ist Autor der Bücher „Generation Z – Ganz anders als gedacht“ und „Generation Z begeistern und binden„.